Kompromisse in der Ernährung

Eine gesunde Ernährung verläuft alles andere als linear. Meine persönlichen Kompromisse, die sehr subjektiv ausgewählt sind, orientieren sich deshalb an 2 simplen guidelines:

  • so viel wie möglich Prana in den Mahlzeiten zu ermöglichen
  • so nahe wie möglich im Rhythmus der Natur zu leben und zu essen

Die folgenden Kompromisse funktionieren aus meiner Erfahrung für die meisten von uns. Ich weiß, dass je nach Lebensregion oder Familienkontext die Kompromisse auch deutlich weiter gefasst werden müssen. Und wenn etwas nicht möglich ist, kann man immer versuchen, bei anderen Prinzipen näher ans Optimum zu kommen. Wir können außerdem unserer Körperintelligenz vertrauen, die ein gewisses Maß an nicht so optimalen Nahrungsmitteln wieder aus dem Körper befördert.

 

#1: Hochwertige Lebensmittel kommen aus Bioanbau oder vom Bauern nebenan

Biolebensmittel sind bei uns in einer so beneidenswerten Dichte erhältlich, dass man nicht auf konventionelle Ware zurückzugreifen müsste. Das Leben ist schliesslich zu kurz, um es mit Pestiziden zu belasten. Wenn der Bioladen meines Vertrauens etwas nicht auf Lager hat, geht’s eben zum Supermarkt ins Bio-Regal mit etwas niedrigeren Standards.
Manche frischen Lebensmittel findet man auf dem Wochenmarkt vom Kleinbauern, der evtl. nicht bioezertifiziert ist. Diesen Kompromiss, gehe ich gerne ein für Karotten, die frisch aus der Erde kommen vs. Biokarotten, die aus Süditalien (oder Gott bewahre, aus Spanien) angeliefert werden und schon einiges an Prana auf der Strecke gelassen haben.

Bei den Gemüsen gibt es eine Gruppe, die im Körper aufgrund der enthaltenen Alkaloide eher entzündlich wirken, die Nachtschattengewächse (Kartoffeln, Tomaten, Paprika, Auberginen). Manche Enährungsschulen eliminieren diese Gruppe komplett, ich beschränke mich auf kleine Mengen in der jeweiligen Saison.

Größere Kompromisse gehe ich bei Lebensmitteln ein, die sehr gesund sind, aber beim besten Willen nicht bei uns wachsen, z.B. frischer Ingwer, die meisten Gewürze, duftender Basmatireis, proteinreiches Quinoa, grüne Mungbohnen (absolutes Superfood), Kokosmilch und Kokosöl und so einiges mehr.
Die Entscheidungsgrundlage für importierte Lebensmittel ist der Gesundheitsvorteil. Gibt es keinen (aus ayurvedischer Sicht), lasse ich die Ware liegen. Dazu zählt z.B. Ananas, unreife Mangos aus Südamerika, Schlangengurken aus Indien, Zuckerschoten aus Kenia uvm.. Es wächst genug Gemüse und Obst bei uns, als einzige Durststrecke muss man die Zeit zwischen Februar und März halbwegs überstehen, wenn die Lagerware langsam die Kraft verliert.
Importierte Lebensmittel die auch bei uns Jahreszeiten haben, z.B. Äpfel aus Neuseeland im Sommer, Kürbis aus Südamerika im Frühling, Sonnenblumenkerne oder Hirse aus China vermeide ich. Dazu muss man im Bioladen leider immer die Etiketten lesen.

 

#2: Frische Lebensmittel haben Saisons

Ein Höchstmass an Nährstoffen (und Prana) ist mir so wichtig, dass ich mehr als die Hälfte der Lebensmittel frisch und somit saisonal (und regional) kaufe. Das heißt, Tomaten verwende ich nur im Sommer, Kürbis oder Grünkohl  nur im Herbst/Winter, Spargel nur im Frühling usw.. Klingt selbstverständlich, die Realität im Supermarkt und in Restaurants sieht anders aus. Das ganze Jahr über gibts Zucchini, Paprika, Tomaten, Kartoffeln, grünen Salat, Gurken, Äpfel…
Wenn ich in einem vegetarischen Magazin Im Dezember ein Rezept für Fenchelgratin sehe, ahne ich die Qualifikation der Redaktion. Durch die ständige Verfügbarkeit so vieler Lebensmittel aus aller Welt kennen die jungen Mitarbeiterinnen vermutlich keine Saisonzeiten mehr. Kann ich nachvollziehen. Kommt auch bei sehr renommierten und hochdekorierten Kochbuchautoren vor, z.B. ein Dessert-Rezept aus Blutorangen und Rhabarber. Wie das technisch (bzw. wo auf der Welt) möglich ist, habe ich bisher nicht herausgefunden.
Meine Lieblings-Kochbücher: alle nach Saisons eingeteilt. Macht das Kochleben so einfach. Für mich die Königin saisonaler und qualitativ hochwertigster Kochbücher: Katharina Seiser.

 

#3: Weizen, Milchprodukte und Zucker verzehrt man in Miniportionen

Der Standardweizen hat heute kaum noch Aroma oder Nährstoffe, aber wir können leicht auf Dinkel– oder Kamut-Produkte ausweichen. Viele Biobäcker arbeiten heute auch wieder mit den alten Sorten Emmer und Einkorn. Überhaupt sind gute Bäcker, die Brote wie früher backen, ein perfekter Kompromiss. Die Qualität und die traditionelle Verarbeitung machen das Brot sehr gut verträglich, besonders wenn es mit Sauerteig hergestellt wird. Ein paarmal im Monat steige ich auch auf ein glutenfreies Brot um. Einfach zur Abwechslung und um den Weizenkonsum zu minimieren.
Auf Reisen ist das alles eher mühsam, mangels guter Mehle, guter Bäcker, alter Traditionen. Ein „german bread“ hat da schon mal Malz dabei, um das ursprünglich weißmehlige Brot zu bräunen. Wirkt gesünder ist aber natürlich fake food. Da ist die Lösung nur, den Verbrauch drastisch einzuschränken. Gehe ich ausnahmsweise mal Italienisch Essen, vermeide ich mehliges ein paar Tage davor oder danach.

Frische Rohmilch (für meinen Chai und selbstgemachten Frischkäse) hole ich direkt beim Bauern. in Bioläden oder Biosupermärkten. Habe ich keine Rohmilchquelle zur Verfügung, nehme ich ausnahmsweise pasteurisierte Demeter-Biomilch bzw. ersetze für den Chai die Milch mit Hafermilch. Auf Milch aus der industriellen Tierhaltung  verzichte ich fast völlig, vor allem nach dem Film „Das System Milch“. Die Politik, der ökonomische Irrsinn und der Zynismus in der Industrie ist einfach krass, Da geht nur noch Milch vom regionalen Biobauern, der oft mit wenigen glücklichen Kühen weit mehr Lebensgrundlage erwirtschaftet als traditionelle Bauern mit 1000 Tieren im Massenstall.

Milchprodukte, sofern sie nicht aus bester Quelle oder selbstgemacht sind, vermeide ich inzwischen so gut es geht, ganz vegan werde ich vermutlich nicht mehr. Wegen dem Ghee, dem Chai und dem Honig ;-). Vermeidet man Milch, kommt man auch nicht in die Gefahr, die inkompatiblen Kombinationen Milch(produkte) mit saurem Obst, Fleisch, Fisch und Salz zu konsumieren. Da stockt mir tatsächlich manchmal der Atem, wenn jemand unwissentlich Bananenshake, Früchtemüsli mit Joghurt oder Fleisch/Fisch mit Sahnesauce verzehrt.
Wenn man die ayurvedischen Prinzipien von hoher Qualität und leichter Verdaulichkeit berücksichtigt, hat Sahne oder konventioneller Käse im Essen ebenfalls nichts mehr verloren. Da wird die Zunge verwöhnt, aber die Gewebe stöhnen unter der Last.
Alternativen aufs Brot (statt Käse) sind z.B. Gemüseaufstriche, Hummus, Guacamole, gute Butter oder Ghee mit Kräutern und Gewürzen.

Zucker verwende ich in hoher Qaulität und süße öfter mit Datteln oder anderem Obst. Desserts produziere ich in der Menge, die in ein Teelicht-Glas passt, der Kompromiss zum völligem Verzicht. Auf Reisen besteht die Gefahr, dass sie mit Unmengen von weißem Zucker oder Agavensirup hergestellt werden. Für den Tee oder ein Frühstück unterwegs nehme ich hochwertigem Zucker mit, weil ich weißen Zucker für absolut toxisch halte.

Ausnahmen von diesen 3 Regeln gibts auch: Ein mit Liebe zubereitetes Essen von Freunden oder der Familie genieße ich in vollen Zügen und frage nicht nach Weizen-, Milch- und Zuckerquellen. Generell glaube ich, dass Liebe im Essen das wichtigste Gewürz ist und so einiges ausgleicht… ;-). Aber das hält natürlich keinem wissenschaflichen Beweis stand.

 

#4: Harmonische Mahlzeiten umfassen (fast) alle Lebensmittelgruppen und 6 Geschmacksrichtungen

Dieses Prinzip in jeder Mahlzeit umzusetzen, wäre ein Fulltime-Job. Wenns zumindest in einer Mahlzeit klappt, am besten in der größten, wäre es schon super. Ansonsten kann man vom Optimum insofern abweichen, dass zumindest über den Tag verteilt diese Komponenten vorkommen. Zu den wichtigen Lebensmittelgruppen gehören Getreide, Hülsenfrüchte, Gemüse, Obst, Öle, Süssmittel, Nüsse und Samen, Kräuter und Gewürze. Fleisch und Milchprodukte sind optional.
Die 6 Geschmacksrichtungen sind süß, sauer, salzig, scharf, bitter und herb. So ist eine Vielfalt an Elementen, Energien und Nährstoffen garantiert.

 

#5: Frisch und unkompliziert kochen geht fast immer

Frisch gekochtes Essen liefert die meiste Lebensenergie, mindestens eine Mahlzeit pro Tag mach ich deshalb selber. Je unkomplizierter, umso besser für die Verdauung und für das Zeitmanagement. Einfach wirds, wenn man sich mit ca. 10 Lieblingsrezepten vertraut macht, die saisonal abwandelbar sind und die man schnell aus dem Ärmel zaubern kann.
Wenn etwas überbleibt, verwende ich das nochmals für die nächste Mahlzeit. Das ist ayurvedisch gesehen suboptimal, denn es enthält weniger Prana, verdaut sich schlechter und schmeckt nicht mehr ganz so gut. Aber nach einer frischen Mahlzeit am Tag ist das der Kompromiss, mit dem ich leben kann.
Essen, das älter ist als 24 Stunden, wärme ich nicht mehr auf. Das meiste Prana ist verloren und die Möglichkeit, dass sich Unverdautes (im Sanskrit heißt das Ama) im Körper ansammelt und Probleme macht, ist sehr groß.
Nahrung beginnt sich zu zersetzen, sobald der Kochvorgang beendet ist. Das ist ein Naturgesetz und kein Kühlgerät kann das stoppen. In der boomenden MealPrep Community, die fertige Mahlzeiten bis zu einer Woche im Kühlschrank lagert, scheint das nicht bekannt zu sein. Da macht man sich auch keine Gedanken über die Histaminentwicklung beim Lagern.

Es gibt eine kleine aber gewichtige Ausnahme: das traditionelle haltbar machen (einwecken), wie es früher üblich war. Wenn uns der Garten z.B. im Herbst noch reichlich beschenkt, aus den überschüssigen Tomaten eine wunderbare Sugo hergestellt werden kann. Wichtig bei diesen Vefahren ist der Prozess, die Sugo wird z.B. kochenheiß ins Glas gegeben, mit einem Vakkumdeckel verschlossen und sofort stark agbekühlt. Dasselbe gilt für Suppen, die dann ein paar Wochen haltbar sind und noch viel Prana enthalten.

Essen in Kantinen und klassischen Restaurants hat in der Regel ebenfalls wenig Prana. Es ist selten frisch gekocht und es werden keine hochwertigen Zutaten verwendet (weil WIR es gerne billig haben möchten). Es gibt natürlich Ausnahmen, die man überall finden kann. Eine gute Quelle für einfaches, frisches Essen, vor allem in größeren Städten, sind kleine vegetarische oder vegane Restaurants. Mein Kompromiss auf Reisen.

Fertiggerichte und Nahrung aus Dosen vermeide ich kompromisslos. Würde man die Essenz des heutigen Ernährungswissens in einen Tipp zusammenfassen, dann wäre es dieser: avoid processed food, kürzlich gehört bei einem Summit über Autoimmun-Krankheiten. Hier liegt sehr viel Potenzial für eine gesunde Ernährung.

 

#6: Mittags ist die beste Zeit für die Hauptmahlzeit

Die Verdauungskraft ist zwischen 10 und 14 Uhr am stärksten, wenn die Sonne am höchsten steht. In diesem Zeitfenster können wir größere Mengen und schwerere Nahrungsmittel gut verdauen. Das Mittagessen als größte Mahlzeit des Tages zu nehmen, bringt uns in Synchronizität mit der Natur. Drum war bis vor ca. 20 Jahren die Mittagspause eine Zeit, in der in Unternehmen die Anrufbeantworter eingeschaltet wurden und die Mitarbeiter für 1 Stunde beim ausgiebigen Mittagsmahl waren. In Frankreich auch gerne mal 2-3 Stunden. Hat keinen aufgeregt.

Für viele scheint es heute aufgrund völlig zusammengeschrumpfter Mittagspausen nicht möglich, die Hauptmahlzeit mittags zu nehmen. Ohne Energie nachzutanken, fallen wir jedoch spätestens am frühen Nachmittag in ein Energieloch und werden unfokussiert und müde. Die Kaffeemaschine und der Snackautomat sind dann nicht die idealen Energiebringer.

Es gibt einige logistische Lösungsmöglichkeiten und technische Hilfsmittel, die man individuell anwenden kann. Z.B. Reis- und Gemüsedämpfen in der Büroküche, vorkochen am Morgen und in Speise-Thermos mitnehmen, Kochen am Abend und den Überschuss mitnehmen, kleine Bistros mit wenigen, frisch gekochten Speisen, usw..

Für manche ist es ein praktikabler Kompromiss, für die Mittags- und Abendmahlzeit (falls diese früh ist) in etwa die gleiche Menge einzuplanen. Somit hat man mittags für Energie gesorgt und kann abends in Ruhe geniessen ohne zu überessen.

Wenn ich in Hotels oder Seminarhäuser komme, die die größte Mahlzeit des Tages am Abend servieren, falle ich spätestens nach 2 Tagen aus der Balance, weil das Essen nicht synchron mit der Bioenergie stattfindet. Oft ist das Früshtück eher ein kaltes Buffet (wenn man nicht auf Omeletts und ungewürzte Porridges steht) und der Mittagssnack eine Salatbar mit Suppe. Das erste „richtige“ warme Essen gibts dann abends. Das ist „crime against wisdom“, was ich im letzten blogpost beschrieben habe. Auf Reisen in Asien bin ich diese Sorgen zum Glück los, 3 mal täglich warmes Essen ist Tradition.

Treffe ich Freunde zum Abendessen im Restaurant, bleibe ich bei der Hauptmahlzeit am Mittag. Dann ist der Hunger am Abend nicht so groß und ich kann eine Kleinigkeit geniessen und mich voll auf die Freunde einstellen. Es gibt allerdings eine Ausnahme: Ist der Gastgeber ein passionierter Hobbykoch,  komme ich hungrig und geniesse jeden Bissen. Und freue mich über die Liebe und Leidenschaft, die man darin schmecken kann. Und esse am nächsten Tag eher Reissuppe und gedämpftes Gemüse, z.B. 😉

 

#7: Essen braucht Pausen

Eine kleinere Mahlzeit, z.B. das Frühstück ist nach ca 2-3 Stunden verdaut, eine Hauptmahlzeit nach ca. 4-6 Stunden. Dazwischen wär es dem Körper am liebsten, wir würden ihn in Ruhe lassen, damit er seinen Job komplett erledigen kann, bevor die nächste Mahlzeit ankommt. Zwischenmahlzeiten verhindern diese Pause für das Verdauungsfeuer (Agni), was zu Rückständen von Ama im Körper, Übergewicht und Energieverlust führt. Irgendwann stellt das Agni den Dienst völlig ein und es bewegt sich nichts mehr.

Fühlt man einen Hunger zwischendurch, funktionieren ein paar Nüsse, etwas Obst, ein Smoothie oder eine Tasse Gemüsebrühe, vor allem dann, wenn die Pausen zwischen den Mahlzeiten länger als 5 Stunden betragen, z.B. zwischen Mittag- und Abendessen.

Eine weitere beliebte und sehr gesunde Pause ist das Intervallfasten. Dabei verkleinert man das Fenster der Nahrungsaufnahme auf 8-10 Stunden. Ein spätes Frühstück nach einem frühen Abendessen wäre dafür ein Beispiel und bewirkt energetische Wunder.

 

#8: Essen braucht ausreichend Zeit, Ruhe und Aufmerksamkeit

Früher war die Zeit zum Kochen und anschliessenden Essen ein fixer Teil des Tages, niemand wäre auf die Idee gekommen, knappe Termine drum herum zu legen. Heute leiden wir unter „overscheduling“, d.h. der Terminkalender hat keine Lücken mehr.

Über die Vorzüge des aufmerksamen Essens habe ich einen Extra Artikel geschrieben. Die Kurzform: Den vollen Genuss beim Essen und den besten Output beim Verwerten der Nahrung erreichen wir, wenn wir mit ausreichend Zeit essen, an einem Tisch sitzen (der Schreibtisch ist NICHT gemeint), in angenehmer Atmosphäre essen, die Arbeit und andere Ablenkungen abschalten und die Nahurng schweigend zu uns nehmen.

Das ist natürlich nicht immer möglich, aber es läßt sich damit experimentieren. Die ganze Zeit zu schweigen macht mit Kindern sicher wenig Sinn, trotzdem könnte man mit ein paar Schweigesekunden am Anfang der Mahlzeit ihr Bewußtsein für den Wert des  Essens stärken.
Es empfieht sich, Essen von Meetings zu trennen. Man verpasst zu viel auf beiden Ebenen. Werde ich zu einem Arbeitsessen eingeladen, versuche ich, es als ein leichtes Arbeitsfrühstück oder eine Teezeit zu planen. Geht das nicht, plane ich davor oder danach eine nahrhafte Speise. So kann ich mich voll auf den Output des Meetings konzentrieren und esse etwas leichtes,  das die fehlende Verdauungskraft wettmacht.

Wenn man langsam und aufmerksam essen will, kann man es auch mal mit den Fingern probieren. Für indienerprobte Yogi*nis nichts Unbekanntes. Es ist technisch eher schwierig, nebenbei zu telefonieren, die Maus zu bewegen, die Zeitung umzuschlagen oder auf dem Smartphone zu scrollen ;-).

In einem Retreatcenter in Bali schlägt man diese Variante vor…

mit staebchen essen

Einen lesenswerter Artikel zum Thema unaufmerksames Essen findet man hier.

 

#9: Und dann wären da noch die kleinen „Lieblingsspeisen“…

Das Comfort food, in das man reinbeißt und sofort einen unendlichen Genuss verspürt. Bei mir wird das meistens durch ein saftiges Brownie ausgelöst, heute war es im fernen Bali allerdings ein Croissant, das echte, französische, buttrige, das so irre schmeckt, dass man sofort nach Frankreich auswandern möchte. Ich bin froh, dass es diese Art von Croissants bei uns fast nirgends gibt. Wenn man ein gutes Original kennt, fällt es so leicht, auf die fake Kopien zu verzichten. So hat die Industrie mit ihrer Durchschnittsware auch etwas Gutes.

Der Genuss dieser Dinge reduziert sich übrigens für die meisten proportional zur Menge, die man davon isst. Somit sind diese kleinen „Sünden“ selten schädlich, nach dem Motto: die Menge macht das Gift. Solange das mit Bewußtheit, Genuss, Selbstakzeptanz und ohne Schuldgefühle passiert, ist es ab und zu völlig okay.

Würde mich sehr über eure Erfahrungen mit Kompromissen freuen, es ist sicher ein diskussionsfreudiges Thema 🙂

photo: Nora Wendel / thephotoforest

Die Verdauungskraft von Qualität

ayurvedische rishisEinige weise Rishis saßen vor tausenden von Jahren in einem vermutlich indischen Wald zusammen und haben (unter anderem) über die Verbesserung der Verdauungskraft beraten. So sagt es zumindest die Legende :-). Herausgekommen sind dabei 7 (in manchen Texten 8) Leitlinien, die auch mit unsere modernen Essmöglichkeiten äußerst kompatibel sind.

Die erste dieser Empfehlungen betrifft die Qualität der Nahrungsmittel. Damit ist zum einen gemeint, dass man erkennen und erspüren kann, ob Nahrungsmittel leicht oder schwer, trocken oder ölig, wärmend oder kühlend, hart oder weich, rauh oder samtig sind. Es gibt noch weitere 5 Eigenschaftspaare, die hier genannten sind jedoch für die Ernährung die wichtigsten. Man kann dies nicht in der Schule lernen oder in Kochbüchern nachlesen. Ursprünglich wurde dieses Wissen durch die Tradition und Region bestimmt und natürlich auch durch die Weitergabe innerhalb der Familie, das Kochen von Großmüttern, Tanten, Müttern und Kindern zusammen.

Heute geht es nicht mehr ganz so idyllisch und großfamiliär zu und Kinder lernen diese Unterscheidungen nicht beim Fast Food in der großen Pause, oft wissen die Mütter es ebenfalls nicht mehr. Kochshows sind dafür auch nicht hilfreich, da die Show naturgemäß nicht schlicht und alltagstauglich sein kann, sondern von Effekten lebt, mal abgesehen von sehr bodenständigen Programmen. So hilft nur noch die eigene Intuition, das Bauchgefühl und das genaue Beobachten, welche der o.g. Eigenschafen einer Nahrung auf den Körper wirkt. Eine sehr spannende Übung übrigens.
Zum Glück gibt es Kräfte, die das Traditionelle und Regionale zurückzuholen versuchestevan_paul katharina_seisern in unsere Küchen. Tolle Kochbücher wie „Österreich vegetarisch“ oder „Deutschland vegetarisch“ (gerade erschienen), von der quirligen Katharina Seiser herausgegeben und die deutsche Version von einem meiner Lieblings-Foodblogger bestückt, Stevan Paul. Seine App „Go veggie!“ läßt bei jedem größeren Kochevent mein iPad heißlaufen :-).

 

Lebensmittel mit Qualität

Der zweite Qualitätspunkt betrifft die Herstellungsqualität der Nahrungsmittel und darüber kann man nun genügend Informationen aus Medien und Internet beziehen. Am meisten erfährt man, wenn die Qualität daneben ist, sprich wenn mal wieder ein Lebensmittelskandal die mediale Runde dreht.

Qualität ist alles. In jeder großen Ernährungsstudie, bei der die Ernährung der westlichen Welt (raffiniertes, massenproduziertes, fleischlastiges, qualitätsarmes Essen) mit der von Urvölkern (frisches, einfaches, regionales, gemüselastiges Essen) verglichen wurde, waren die Gesundheitswerte der zweiten Gruppe um Welten besser. Was nichts anderes bedeutet, dass man mit der Anhebung der Nahrungsqualität seinen Stoffwechsel und sein Wohlbefinden kräftig ankurbeln kann.

Der ayurvedische Grundsatz lautet, die best möglichen Nahrungsmittel, die in der Region und Saison erhältlich sind, zu verwenden. Meist ist das heute Bioware, die möglichst unbehandelt bzw. wenig verarbeitet ist. Ja natürlicher, desto nährstoffreicher. In der Großstadt wird man mit guter Ware flächendeckend bedient, in ländlichen Regionen bedarf es manchmal einiger Recherchen, um die Bauern, Hofläden oder Wochenmärkte seines Vertrauens zu finden.

Die gute Nachricht: es gibt hierzulande genügend hochwertige Lebensmittel zu kaufen. Die weniger gute: Man muss sie manchmal aus einem Meer an Massenware und industrialisiertem Essen herausfischen. Hat man aber einmal seine Quellen gefunden, wird der Einkauf zum Kinderspiel. Und für alle, die wenig Zeit haben gibt es sowieso die perfekte Lösung: Biokisten.

 

Die Merkmale von Qualität sind: frisch, organic, handgemacht, regional produziert, hohe Nährwertdichte, wenig Toxine, hergestellt mit hlebensmittel michael pollanoher Ethik, geschmackvoll, aromareich, ohne synthetische Zusatzstoffe, die das Fehlen von echten Nährstoffen maskieren soll. Für Michael Pollan sind nur dies echte Lebensmittel, alles andere sind lediglich essbare Substanzen. Dazu gibt es ein unbedingt lesenswertes Buch von ihm.

 

Mit dem Essen ist es wie mit allen Gütern. Man bekommt, was man dafür bezahlt. Und manche investieren wenig in Lebensmittel und viel in Pillen, die die Folgen des billigen Essens reduzieren sollen.

 

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Qualität ist:

Je schlecher das Essen, desto mehr konsumieren wir.

Weil das schlechte Essen wenig Nährstoffe hat, verlangt der Körper nach einer größeren Menge. Das Gehirn registriert fehlende Nährstoffe und sendet das weiseste Signal: iss mehr! Und so beginnt der Kreislauf der Verdauungsprobleme.

Je hochwertiger die Lebensmittel, desto weniger benötigen wir. Große Portionen sind nicht nötig und waren es nie. Es sei den man hat Marathon, Triathlon oder andere Leistungssportarten zum Beruf oder Hobby.

Wenn wir frische und organische Nahrungsmittel wählen, wird die Ernährung nährstoffreicher. Auch wenn die Medien im Quartalsrhythmus gerne Biobashing betreiben. Und dabei nie die Pestizide erwähnen, die dem Körper nachweislich schaden können oder die Böden, die im Biolandbau einfach „gesünder“ sind.

Wer eine hohe Nährstoffdichte konsumiert, ist länger satt und hat weniger Gelüste auf Zwischenmahlzeiten und Snacks. Die höhere Investition in gute Lebensmittel wird durch weniger Menge zumindest etwas ausgeglichen.

 

Ernährung und Wissenschaft

Studien zum Thema Ernährung betrachten selten die Qualität der Nahrung. Dies ist einer der Gründe, warum diese Studien oft zu konträren und sich widersprechenden Ergebnissen kommt. Und vieles ist rein wissenschaftlich nicht erklärbar. Z.B. warum das Karotin einer Karotte eher dem Körper zur Verfügung steht als das Karotin aus einer Pille.

Oder das berühmte French Paradox. Die Amerikaner mit ihren riesigen Gesundheitsproblemen und ihrer lowfat Diät wundern sich, warum die Franzosen, die spät am Abend essen, nicht auf die Kalorien achten, nicht wenig Fettes verzehren, Weißbrot in Mengen konsumieren, ihren Wein geniessen und dann auch noch Käse am Ende der Mahlzeit nehmen, so schlank und gesund sein können, keine Cholesterinprobleme haben, eine deutlich niedrigere Herzinfarktrate und die Frauen so schön und elegant sind. Wissenschaftlich nicht erklärbar.

Sie vergessen, dass Faktoren wie Genuß, Zeit beim Essen, Entspannung und eben hohe Qualität eine nicht minder große Rolle spielen. Und dass die Franzosen am nächsten Morgen nicht ham, beans, bacon und eggs verzehren. Sondern sich ein halbes Croissant in den Kaffee tunken und dem Abendmahl Zeit geben zum Verdauen bis zur Mittagszeit. Das einzige Paradox ist, dass die Wissenschaftler den Zusammenhang nicht verstehen…

Wissenschaftlich wird Nahrung als eine Ansammlung von Vitaminen, Mineralien, Makronährstoffen und anderen chemischen Substanzen beschrieben. Wir sind gewohnt, dass dies gemessen und auf die Etiketten gedruckt wird und wir daran ablesen können, wie viele Nährstoffe wir zu uns nehmen. Doch dieser Ansatz ist veraltet und hat mit der Ernährungsrealität wenig zu tun. Auch Mikrowellenessen und das billigste Fertiggericht kann auf der Verpackung eine Liste von angeblichen Nährstoffen chemisch nachweisen. Doch wir wissen längst, dass man mit einem Dauerkonsum an Fertiggerichten nicht gesund bleiben kann. Essen ist mehr als ein Haufen chemischer Substanzen. Essen ist Energie und Information.

Ayurveda und TCM haben die Nahrung übrigens nie nach Nährstoffen bewertet. Viel wichtiger und relevanter ist die energie-spendende Qualität der Lebensmittel. Beschrieben wird dies über Elemente und Archetypen wie Wasser, Erde, Luft, Feuer, Raum, Metall, Holz, Yin, Yang, Qi, Prana, Vata, Pitta, Kapha etc.. Nichts kann man davon unter dem Mikroskop sehen, doch deren Wirkungen sind spürbar und sichtbar. Yin und Yang sind für einen Chinesen so real wir für uns Proteine oder Kohlenhydrate.

Somit ist der wahre Wert eines Lebensmittels nicht an einem Etikett ablesbar und auch nicht durch pseudowissenschaftliche Faktoren, sondern in der Energie und Information, die es enthält. Und diese beinhaltet nicht nur Kalorien, Vitamine, Eiweißgehalt usw., sondern wie die Nahrung gewachsen, geernet, bearbeitet, transportiert, gekocht und gegessen wurde.

Die meisten Menschen erwarten vom Essen, dass es Ihnen Energie, Glück, Schönheit und Gesundheit liefert. Gut, die einzige Möglichkeit, diesen hohen Anspruch zu realisieren besteht darin, das Essen mit diesem Bild vor Augen herzustellen. Wenn man mit Ethik und Humanität Essen kultiviert, wird die Ernte wie gewünscht ausfallen. Und wenn wir Böden und Tiere auf brutalste Weise ausbeuten, wird sich das in unseren Körpern widerspiegeln. So ist die Natur. Wir haben die Wahl.

Die Natur ist heute bunt und farbig, der Herbst eben. Warum nicht mal eine Qualitätswoche einplanen und die bunte Vielfalt der Möglichkeiten vergrößern? 🙂