Bis auf den letzten Krümel?

Michael Pollan beschreibt in seinem Buch ‚Lebensmittel’ eine Studie, bei der Amerikaner und Franzosen gefragt wurden, wann Sie aufhören zu essen. Für die Franzosen war es der Zeitpunkt, wenn sie satt waren. Die Amerikaner gaben zur Antwort: „wenn der Teller leer ist“.

In einer Zeit von Mülltauchern (Menschen, die in Supermarkt-Abfall die noch verwertbaren Lebensmittel retten) und waste cooking bereitet es manchen mentale Bauchschmerzen, wenn Essen verschwendet wird, aus welchen Gründen auch immer. Und viele versuchen, diesen „Verlust“ so klein wie möglich zu halten, notfalls durch Essen weit über die Sättigungsgrenze hinaus.

Beobachte doch mal eine Woche lang, aus welchen Gründen du deinen Teller leer isst, obwohl du schon früher satt bist, z.B.

  • aus Gewohnheit
  • weil man es dir als Kind anerzogen hat
  • aus Gier und Genussucht (ein durchaus menschlicher Reflex, der einem bei „all you can eat“ heimsucht)
  • weil man das Essen bezahlt hat (aus Geiz also)
  • um die Gastgeberin / den Gastgeber glücklich zu machen
  • weil du das liebevoll selbst zubereitete Essen nicht wegwerfen möchtest
  • weil du so in ein Gespräch mit dem Tischnachbarn vertieft bist, dass du den Sättigungspunkt völlig aus den Augen verlierst

In den Tiefen der vedischen Schriften findet man ganz praktische Hinweise zu diesem Thema, z.B. sollte man seinen Körper nie als Mülleimer benutzen. Der Schaden, den man dabei dem Verdauungsfeuer zufügt, ist es einfach nicht wert.
Zudem wird es nicht als Sünde angesehen, wenn Essen übrig bleibt. Tatsächlich hat in den alten Traditionen jede Familie eine Portion zusätzlich gekocht, um damit eine bedürftige Person zu versorgen.
Und von dem was übrig blieb, hat man einfach die Haustiere und andere Lebewesen gefüttert. In Seminarhäusern mit Tieren freue ich mich immer über diese natürliche Resteverwertung. Wenn man auf dem Lande lebt, hat man dazu natürlich mehr Möglichkeiten.

Wenn man diese Wochenübung durchführt, finden sich vielleicht mehr kreative Verwertungsmöglichkeiten als man ahnt.

Mein Lehrer erzählte mir letzte Woche diese Geschichte: Da er dem Süßen nicht abgeneigt ist, hat er ein Stück Kuchen mit nach Hause gebracht (Inder lieben das!), von dem er nur die Hälfte essen konnte. So ließ er die andere Hälfte stehen, um den Rest am nächsten Tag zu verzehren.
Was er allerdings später vorfand war eine Schar von Ameisen, die gerade die letzten Krümel des Kuchens verspeisten. Doch statt sich zu grämen hatte er nur einen Gedanken: wie vielen Tausenden Lebewesen hat er zu einem besonders leckeren Mahl verholfen…. 😉
Ein wahrhaft sattvischer Geist…