Wie wollen wir leben auf einem gesunden Weg ins hohe Alter? Diese Frage beschäftigt viele und das seit tausenden von Jahren. Nun steht sie wie ein Brennglas im Raum und wir sind mehr oder weniger gezwungen, uns damit auseinander zu setzen. Ein besonders tückisches Virus konfrontiert uns mit unbeantworteten Gesundheitsfragen, aber auch mit Themen wie Vorsorge, Freiheit und Angst.

In diesem Spannungsfeld sind mir in den letzten Monaten immer wieder die Begriffe Keimtheorie (germ theory) und Terraintheorie (terrain theory) begegnet.

 

Die Keimtheorie

Sie wurde von Louis Pasteur aufgestellt und besagt, dass man in der Regel dann erkrankt, wenn man einem Infektionserreger (Bakterien, Viren, Pilze, Parasiten) ausgesetzt ist. In der Folge wird alles getan, um den Erreger mit medizinischer Intervention zu „eliminieren“, sei es durch Medikamente, Antibiotika oder Impfungen. In der Regel verspricht dieser Weg einen relativ schnellen Erfolg, wenn geeignete Mittel zur Bekämpfung der Krankheit vorhanden sind. Wenn das nicht geht wie in der aktuellen Pandemie, kommen hygienische Maßnahmen, Kontaktvermeidung und Maskentragen zum Einsatz.

 

Die Terraintheorie

Diese Theorie sieht das Krankheitsgeschehen ganzheitlicher. Sie wurde von Antoine Bechamp entwickelt und besagt, dass unser Gesundheitszustand durch die innere Umgebung (Terrain) unseres Körpers bestimmt wird, man kann es auch als inneres Milieu bezeichnen.
Diese Theorie wird duch die Erforschung des Mikrobioms in den letzten 20 Jahren untermauert. Ein Körper mit einem gesunden Mikrobiom oder Darmmilieu leistet einem Erreger ordentlich Widerstand und kann ihn evtl. selber „entsorgen“. Auch hier können Krankheitssymptome auftreten, die Verläufe sind aber sehr mild.

 

Welche Theorie ist nun die „richtige“?

Die 2 Ansätze werden gerne mit dem Beispiel eines Fisches visualisiert. Annahme: Der Fisch ist krank. In der Terraintheorie würde man sagen: reinige das Wasserbecken (clean the tank), in dem der Fisch schwimmt. In der Keimtheorie würde man dan Fisch isolieren, behandeln und evtl. impfen (isolate or vaccinate the fish). Das schmutzige Wasser würde im Becken bleiben.

fisch im glas

In den Diskussionen, die ich zu den Theorien gelesen habe, scheinen sich die 2 Lager dogmatisch gegenüberzustehen.

Die Keimtheoretiker glauben, das Milieu hat keinen Einfluss auf Krankheiten. Ein Erreger wird mit chemischer Intervention unschädlich gemacht und der Patient gesundet. Problem gelöst. Man muss nichts ändern, die Verantwortung wird an externe Faktoren abgegeben.
Wenn wir die Sichtweise darauf reduzieren, laufen wir Gefahr, dass wir in immer kürzeren Zeiträumen eine Infektionskrankheit nach der anderen mit immer neuen Keimen bekämpfen und uns niemals auf die Ursachen einlassen. Dazu müssten wir tiefer schauen, in die Themen Umweltschutz, gesunde Böden und artgerechte Tierhaltung. Und natürlich in die Lebens- und Ernährungsweise der Menschen. Es gibt keinen Erreger, der Diabetes oder Fettleibigkeit, Sucht und Depression verursacht. Aber jeder Erreger oder Virus findet im Umfeld eines trüben Wasserbeckens (Übergewicht, Diabetes, reduzierte Immunkraft, geschwächte Lungen durch Umwelt und Rauchen, etc.) ein fruchtbares Feld, um sich auszubreiten und Schaden anzurichten.

Die Terraintheoretiker haben in einer infektösen Erkrankung die Zeit gegen sich. Um ein ungesundes Mikrobiom in ein gutes Milieu zu verwandeln, bedarf es meist einer Umstellung zu guter Ernährung, regelmäßiger Bewegung, ausreichendem Schlaf, geringer Traumabelastung, stressfreiem Lebensstil. Das geht nicht von heute auf morgen, es kann Wochen, Monate oder länger dauern, bis die Maßnahmen zur „Reinigung des Beckens“ umgesetzt sind. Und es erfordert einiges an aktiver Mitarbeit.
Für manche sind es große Hürden,
schlechte Gewohnheiten aufzugeben, Gewicht zu reduzieren, Änderungen des Lebensstils vorzunehmen und chronischen Stress abzubauen. Es bedeutet auch, selber Verantwortung zu übernehmen für die Stärkung des Immunsystems. Die Nahrungsmittel-Industrie ist dabei übrigens kein Verbündeter. Die überdrehte Freizeitindustrie auch nicht. Helfen können Menschen, die sich damit auskennen, anfangen könnte man mit den Weisheiten der Großmütter. Oder alten Heiltraditionen wie Ayurveda und TCM.

 

Beide Theorien haben unterschiedliche Funktionen

Sie können sich ergänzen und gemeinsam den Menschen auf seinem Gesundheitsweg unterstützen. Sie werden je nach Kontext eingesetzt. Ein akut bedrohliches Virus ist mit der Terraintheorie schwerer zu bekämpfen. Hier würde man je nach Erkrankung eine keimtheoretische Behandlung wählen, sogar dann, wenn das Milieu kurzfrisitg weiter geschädigt werden könnte (z.B. längere Antibiotika-Behandlungen). Aber: In dieser Theorie ist der Keim ein „Feind“, dem man den Kampf ansagen muss. Bei vielen Menschen entsteht dadurch Angst, was das Immunsystem und die Heilungschancen mindert.

Auf der anderen Seite kann man klar erkennen: das Milieu beeinflusst die Wahrscheinlichkeit, Schwere und Dauer einer Infektion. Das Zauberwort heißt  Prävention, was der Terraintheorie entspricht. Es ist nie zu spät, damit zu beginnen. Es ist auch der Weg der ayurvedischen Weisen. Die ersten Kapitel ihrer umfangreichen Schriften waren den Themen Lebensstil und Ernährung gewidmet. „Clean the tank“ ist die Devise. Dies wiederum nimmt die Angst vor schwerer Krankheit und ermöglicht ein langes und gesundes Leben.

 

Titelbild aus Pixabay/Elenza

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