Essensregeln wirken auf viele Menschen belehrend, unsexy, langweilig und spießig. Und sie erinnern an Ärztetipps wie das 20-malige kauen jedes Bissens oder an genußfeindliche Einschränkungen. Wenn man damit sein Umfeld „inspirieren“ möchte, muss man aufpassen, dass einem nicht ein Kochtopf um die Ohren fliegt :-).

Doch Essen ist Liebe und nicht Krieg… Jeder ist auf seiner eigenen Lebensreise mit Ernährung und Gesundheit unterwegs, niemand gleicht dem anderen. Und neben den reinen Fakten und dem Wissen über gesundes Essen, hat die innere Einstellung und Lebensfreude einen ganz großen Anteil am Wohlbefinden. Für die Weisen Indiens ist derjenige glücklich und gesund, der über die Nahrung ein Wissen hat und bewährte Regeln so anwendet, dass es sein Wohlbefinden fördert und erhält.

Essen und Ernährung ist wie das ganze Leben – chaotisch, widerspüchlich, genussreich und unvorhersehbar. Wenn wir Ernährungs“experten“ also unsere Tipps veröffentlichen, hat das viel mit dem heutigen Lebensstil zu tun, den wir ansprechen. Der Zeitgeist, das Arbeitsumfeld und die kulinarischen Angebote haben unser Essverhalten in den letzten 2 Jahrzehnten dramatisch verändert. Wir nehmen uns kaum noch Zeit zum Essen, träumen aber von einem Leben mit Genuß, Leidenschaft, Präsenz, Liebe, Gesundheit und einem schönen Körper. Zumindest sehen wir diese Werte, wenn wir die Werbung von Fertiggerichten sehen und lesen. Unsere Intuition wird dann kurz überrumpelt und wir sparen uns die Zeit, eine „richtige“ Mahlzeit zu kochen.

Es gibt inzwischen sehr viele Ernährungsweisen, vegetarisch, vegan, roh, ayurvedisch, steinzeitlich, makrobiotisch… es spielt keine Rolle, welchem System man folgt, solange man sich auf lange Sicht gut damit fühlt. Die meisten Systeme haben in Bezug auf die Art des Essens einen gemeinsamen Nenner, auch wenn sich alles andere unterscheiden mag.

 

Das ayurvedische Essensritual

Die Weisen Indiens haben die Mahlzeiten zelebriert, einer der längsten Verse betrifft dieses Ritual. Man beginnt mit einem Bad (regt den Appetit an), zieht sich frische Kleider an, verwendet Parfum und Blütengirlanden, singt heilige Mantras, opfert das Essen dem Feuer und den Lehrern, bewirtet zuerst Gäste, Bettler und Tiere. Man isst nicht, ohne die Hände und den Mund zu waschen. Das Essen sollte man nicht verschwenden oder mißbrauchen. Es sollte natürlich rein und frisch und liebevoll gekocht sein und weder angebrannt noch halbfertig auf den Tisch kommen. Unpassendes und unbekanntes Essen meidet man, ebenso Essen am späten Abend oder sehr früh am Morgen, unter freiem Himmel bzw. in der heißen Sonne. Und man isst weder im Liegen oder im Stehen (!) oder mit dem Teller in einer Hand. Idealerweise sitzt man beim Essen Richtung Osten.

Dies sind einige Kernthesen der Essensverse und natürlich geht es nicht darum, zu dieser Art des Essens zurückzukehren. Auf unsere Zeit übertragen sagt sie einfach nichts anderes, als dass Essen im Schnelldurchlauf, mit minderwertigen Lebensmitteln lieblos gekocht und in einem lärmenden Umfeld verspeist nicht gesundheitsförderlich ist. Das ist nun aber der Punkt, an dem viele stehen und deshalb kann man die Empfehlungen einfach mal auf die „Moderne“ übertragen. Was dabei sinnvollerweise herauskommt sind

 

Die goldenen Essensregeln

Tipps, die immer up-to-date sind, die sich nie ändern werden, zumindest solange wir Nahrungsmittel aus der Natur zu uns nehmen:

  • sich Zeit nehmen zum Essen, 30-60 Minuten mindestens. Kein Lunch-to-go oder ein Sandwich im vorbeigehen. Mit etwas Zeit kann man das Essen mehr genießen, es schmeckt besser und wird leichter verdaut
  • vor dem Essen die Hände waschen und den Mund ausspülen
  • im Sitzen an einem Tisch essen. Der Schreibtisch ist kein Tisch, sagt mein Lieblings-Foodjournalist Michael Pollan (Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte: Goldene Regeln für gute Ernährung)
  • einen ruhigen und sauberen Ort für die Mahlzeiten wählen mit friedlicher Atmosphäre
  • in Gesellschaft vertrauter und wohlgesonnener Menschen essen
  • sich auf das Essen konzentrieren und möglichst unabgelenkt essen. Also TV, Radio aus, Lesesachen weglegen, smartphone, mails und facebook ignorieren
  • Lachen und Sprechen beim Essen reduziert die Verdauungskraft, während die Konzentration auf die Nahrungsmittel die Verdauungskraft unterstützt und das Spüren der richtigen Menge ermöglicht
  • innerlich einen Dankesspruch (oder Gebet) sprechen
  • mehrheitlich vegetarisch und biologisch essen, saisonales und regionales übergewichten und auf hohe Qualität achten (wer Fleisch mag, verzichtet darauf in Restaurant und Kantine, es ist meist minderwertig. Ausnahme sind ausgewiesene Bioküche und Spitzengastronomie)
  • gut gekochte, frische Mahlzeiten wählen, solange sie warm sind, wirken sie appetitanregend, schmecken besser und reduzieren Verschleimung im Körper
  • wenn möglich alle 6 Geschmacksrichtungen inkludieren (süß, sauer, salzig, scharf, bitter, herb)
  • Abgestandenes Essen und Fertiggerichte meiden, sie haben keinen Nährwert
  • Nahrung wählen, die befeuchtend ist (Suppen, Saucen, Eintöpfe, saftige Gemüse usw.), sie stärken die Sinne, wirken verjüngend, stärkend und machen einen schönen Teint
  • Nahrung bevorzugen, die leicht verdaulich ist, dies reguliert und gleicht die Doshas im Körper aus
  • nicht zu schnell essen: das Essen wird in falsche Kanäle geleitet, die Verdauung verzögert sich. Man hat kein Gespür über das Essen und kann nicht erkennen, ob es gut oder weniger gut tut
  • nicht zu langsam essen, es kommt dabei keine Befriedigung und kein Sättigungsgefühl, man isst mehr als man benötigt. Das Essen wird kalt und am Ende nicht mehr gut verdaut
  • zu möglichst regelmäßigen Zeiten essen
  • die Hauptmahlzeit am Mittag nehmen, wenn die Verdauungskraft und die Sonnenkraft am stärksten sind
  • sehr spät am Abend und sehr früh am Morgen auf Essen verzichten
  • nur essen, wenn man hunrig ist und die letzte Mahlzeit verdaut hat (3-5 Stunden). Wenn man nur wenig Hunger hat, genügt eine leichte Suppe
  • nur essen was man mag und gut verträgt
  • niemals essen, wenn man ärgerlich oder sehr emotional ist
  • den Magen zur Hälfte bis 2/3 füllen, das ist nicht einfach zu beurteilen, weil man ja nicht reinsieht…
  • oder soviel essen, bis ein angenehmer Sättigungspunkt erreicht wird, an dem man sich nicht voll und schwer fühlt. Jeder kennt den Gedanken, dass man die letzten Bissen nicht mehr gebraucht hätte für die Befriedigung…
  • nicht zu wenig essen, die Gewebe werden nicht gut genährt und die Verdauung mag keine Extreme
  • während des Essens nichts oder nur wenig trinken, vor allem keine kohlensäurehaltigen Getränke.

 

Vielleicht gut, wenn man sich das vor den kommenden festlichen Schlemmertagen mal kurz durchliest 🙂

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