Nur bunt ist gsund?

Surft man durch das welt­wei­te Web zum The­ma Food, fällt einem zuerst eines auf: viel Far­be. Das pro­du­ziert eine Genera­ti­on, für die Essen erst mal vor­ran­gig ein „Event“ ist. Für die auch das hedo­nis­ti­sche Prin­zip gilt, alles zu jeder Zeit kon­su­mie­ren zu kön­nen und dabei auf maxi­ma­len Geschmack und Befrie­di­gung aller Sin­ne, also auch der Augen zielt. Essen muss bunt und foto­gen sein, was bei Insta­gram nicht gut aus­sieht, fällt über die Tisch­kan­te. Man „fol­lo­wed“ Bil­dern von Smoot­hies, Sala­ten und Bowls und setzt eher auf Optik als auf Inhalt. Bun­te Obst- und Gemü­se­schüs­seln ver­mit­teln ver­ständ­li­cher­wei­se einen sehr gesun­den Ein­druck und sie kön­nen es auch sein. Man ver­gisst aller­dings, dass die guten Eigen­schaf­ten nicht allei­ne durch die Far­be kom­men.

Nun spricht natür­lich gar­nichts gegen Far­be im Essen. Im Gegen­teil. Eat the rain­bow, das hört und liest man in fast allen Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen, die eini­ger­ma­ßen seri­ös sind. Das deckt sich mit der alten ayur­ve­di­schen Weis­heit, täg­lich alle 6 Geschmacks­rich­tun­gen (süß, sau­er, sal­zig, scharf, bit­ter, herb) zu ver­zeh­ren. Wenn man die Lis­te der Lebens­mit­tel zur jewei­li­gen Geschmacks­rich­tung nicht im Kopf hat (ich hab sie nicht), hilft der Regen­bo­gen. Je mehr Far­ben, des­to mehr Geschmä­cker hat man auf dem Tel­ler ver­sam­melt.

Nur: es gibt auch super gesun­des Essen, das nicht insta­gra­ma­ble ist bzw. das man ein­fach nicht foto­gra­fie­ren mag. Weils aus­sieht wie K.… ;-). Mung­boh­nen-Dal oder -sup­pe zum Bei­spiel. Grün­brau­ne Pam­pe, ein schö­ne­res Wort gibt es nicht dafür. Der Inhalt, also Pro­te­ine, Nähr­stof­fe und Mikro­nähr­stof­fe sind dafür vom aller­feins­ten. Auf­bau­end für die Gewe­be, näh­rend bis in die letz­te Zel­le, sät­ti­gend, stär­kend und har­mo­ni­sie­rend. Wegen die­ser Eigen­schaf­ten emp­feh­len ayur­ve­di­sche Ärz­te und Ernäh­rungs­be­ra­ter die­se Gerich­te zum regel­mä­ßi­gen Ver­zehr, 1–2 mal pro Woche darfs schon sein. Ist man Vege­ta­ri­er, könn­te man eine Mung­boh­nen­sup­pe auch als das vege­ta­ri­sche „Bone­broth“ bezeich­nen.

 

kitchari mungbohnen

Eigent­lich müss­te jedes Health Food Café Gerich­te mit Mung­boh­nen auf der Kar­te haben. Oder Reis­sup­pen (Kan­jis). Oder Kit­cha­ris, ein Ein­topf aus Reis und gel­ben Mung­boh­nen oder Lin­sen, optio­nal auch mit Gemü­se. Ist aber nicht so. Weil Health für Beau­ty geop­fert wird. Und hier schie­ßen wir uns sozu­sa­gen ins eige­ne Knie. Die­se Hal­tung bezieht sich übri­gens auf vie­le Fel­der in unse­rem Leben: Essen, Kos­me­tik (Mikro­plas­tik), Haar­far­be (Che­mie), Mode (gif­ti­ge Farb­stof­fe und kur­ze Lebens­dau­er), man könn­te die Lis­te fort­set­zen.

Wenn ich mit Köchen von eher hip­pen vegetarisch/veganen Loka­len spre­che, die sich mit gesund­heits­för­dern­der Ernäh­rung aus­ken­nen (vie­le gibt es lei­der nicht), hal­ten sie die­se Gerich­te für nicht ver­käuf­lich wegen der Optik. An die­sem schi­zo­phre­nen Punkt ste­hen wir also mit unse­rer Obses­si­on für gesun­de Ernäh­rung. Es gibt Aus­nah­men, in Wien ist mir das kürz­lich begeg­net: grains in der Gum­pen­dor­fer­stras­se, der Mor­gen­brei ist super und ohne chi­chi. z.B. Con­gee mit Miso, Gemü­se und Soja­sauce gewinnt kei­nen Schön­heits­preis aber ist eine Wohl­tat.

 

Eiszeit im Magen

Zur Zeit hal­te ich mich aber nicht in Wien son­dern in Süd­goa auf und bin nach einem Monat Indi­en schon etwas „aus­ge­cur­ried”. Als Alter­na­ti­ve bleibt das loka­le Health Food Café, wo es unter ande­rem die obli­ga­to­ri­schen bun­ten Smoot­hie­bowls gibt, z.B. die berühm­te Acai Bowl. Far­be und Top­pings sind meist so unfass­bar schön, dass man das Kunst­werk kaum zer­stö­ren mag. Wenn man dann den ers­ten Löf­fel geschluckt hat, der Schreck. Eises­käl­te strömt in den Magen. Das ist bei den meis­ten Smoot­hie­bowls der Fall, zumin­dest bei denen, die ich bis­her pro­biert habe. In einem Health Food Lokal habe ich des­halb letz­ten Herbst eine Tas­se hei­ßes Was­ser bestellt und hin­ein­ge­schüt­tet. Die Mie­ne der Ser­vice­kraft ent­sprach der Tem­pe­ra­tur der Bowl. Vor dem hei­ßen Was­ser. Ich glau­be, sie hielt mich für eine total uncoo­le Zicke, die kei­ne Ahnung hat von einem „gesun­den“ Früh­stück :-)).

Die Käl­te rührt übri­gens aus der Erkennt­nis, dass Smoot­hies mit gefro­re­nem Obst wesent­lich cre­mi­ger und fes­ter wer­den und dadurch gelöf­felt wer­den kön­nen. Tex­tur geht also vor Ver­dau­ungs­kraft.

Es erin­nert mich an ein Prin­zip aus einem ande­ren Bereich. In Archi­tek­tur und Design lau­tet das Mot­to: Form fol­lows func­tion. Wer das nicht beach­tet, kann lang­fris­tig nicht erfolg­reich sein. Der Sinn und Zweck eines Gebäu­des, Gegen­stan­des oder einer Wer­be­maß­nah­me muss eine Funk­ti­on erfül­len und sobald dies gewähr­leis­tet ist, kommt die Ästhe­tik ins Spiel.

 

Gesundheit vor Schönheit

Auf Ernäh­rung über­tra­gen müss­te es hei­ßen: Optik folgt Ver­dau­ungs­funk­ti­on. Das klingt jetzt nicht so cool. Ist aber essen­ti­ell für die Balan­ce in unse­rem Kör­per, egal ob man dabei an die Hor­mon­ba­lan­ce denkt, die Dosha­ba­lan­ce, das Säu­re-Basen-Gleich­ge­wicht oder den aus­ge­gli­che­nen Schlaf. Erst wenn die Unter­stüt­zung der Ver­dau­ung gewähr­leis­tet ist, macht man die Spei­se zusätz­lich noch „schön“, oft ist das übri­gens gar­nicht nötig, weil sie von Natur aus auch das Auge erfreut. Eine eis­kal­te Smoot­hie­bowl ist nun das Gegen­teil. Die Ver­dau­ungs­kraft wird durch die Käl­te sofort ver­ab­schie­det. Und das Pra­na, also die Lebens­en­er­gie der Früch­te in der Bowl wur­de im Vor­feld bereits im Tief­kühl­fach redu­ziert. Macht Sinn? Née.. Im Win­ter in Mit­tel­eu­ro­pa erst recht nicht.

In eini­gen Loka­len wer­den übri­gens für das Erzie­len der gewünsch­ten Kon­sis­tenz Chia­sa­men oder Getrei­de­flo­cken dazu­ge­mixt. Das sät­tigt nicht nur bes­ser, man kann es sogar erwär­men, was im Win­ter ein sehr ange­neh­mes Bauch­ge­fühl ver­mit­telt. Ein mög­li­ches Rezept.

Mut zur Häss­lich­keit ist also neben dem Regen­bo­gen­es­sen die Devi­se, und ja, man darf das durch­aus Freun­den zumu­ten. Auch nicht foto­ge­ne und vor allem ein­fa­che Gerich­te (man den­ke an Man­gold, Spi­nat, Kohl, Kraut, Brat­kar­tof­feln usw.) gewin­nen auf ande­ren Ebe­nen, z.B. durch Nähr­stoff­dich­te oder har­mo­ni­sie­ren­de Eigen­schaf­ten. Nicht nur Magen und Darm wer­den es dan­ken, auch die Aus­ge­gli­chen­heit und Lebens­freu­de wächst. In Ayur­ve­dakli­ni­ken wer­den sehr viel wei­ße und grü­ne Gemü­se gege­ben, weil sie die Ent­gif­tung des Kör­pers unter­stüt­zen. Da freut man sich ver­ständ­li­cher­wei­se nach ein paar Wochen wie ein Kind über das oran­ge der Karot­ten oder das rot der Bete :-).

Das völ­li­ge Feh­len von hedo­nis­ti­schen Lau­nen und Gelüs­ten nach Men­ge (all you can eat), stän­di­ger Ver­füg­bar­keit oder beson­de­rer Far­ben­freu­de ist übri­gens eines der Geheim­nis­se, die die Men­schen auf Oki­na­wa aus­zeich­net. Sie wer­den sehr gesund alt. Wenn man allen Ver­su­chun­gen erliegt, beson­ders bei der Ernäh­rung, schwächt man sei­nen Kör­per. Sehr bunt beschrie­ben im Buch „Iki­gai“, das eini­ge ande­re lebens­ver­län­gern­de Ernäh­rungs- und Lebens­weis­hei­ten beinhal­tet. Lesens­wert!

Streetfood — das bessere Fast Food?

Es ist Som­mer und somit Zeit für die jähr­lich wie­der­keh­ren­den Street­food Fes­ti­vals. Gemeint ist eine Ansamm­lung von „Foodtrucks”, wie mobi­le Kios­ke seit eini­ger Zeit hei­ßen, und die auch auf vie­len Som­mer­fes­ten wie z.B. dem Toll­wood in Mün­chen schon seit Jahr­zehn­ten ver­tre­ten sind. Jun­ge Gas­tro­no­men haben vor eini­gen Jah­ren das Fast­food auf Rädern in den Fokus gerückt mit krea­ti­ven Ide­en, viel Herz­blut und Zuta­ten aus Bio- oder regio­na­lem Anbau. Zeit­gleich kam ein klei­ner Koch­buch­hype zum The­ma in die Buch­lä­den und schon waren die klei­nen, exo­ti­schen Spei­sen aus der Hand schick.

Anfangs hab ich mich ger­ne durch das Ange­bot gefut­tert auf der Suche nach neu­en Ide­en, Aro­men und vor allem aus Freu­de über die jun­gen Enthu­si­as­ten IM Foodtruck und das schö­ne Design eben sel­ber. Aber wie jeder Trend, kann die Kom­mer­zia­li­sie­rung der ursprüng­li­chen Idee schnell den Gar­aus machen und so scheint es mir auch bei besag­ten Street­food Fes­ti­vals zu sein. Wenn man an den Wagen vor­bei­schlen­dert ist nicht mehr alles Design und krea­tiv, son­dern da steht dann auch der ganz nor­ma­le Sup­pen­wa­gen neben dem Bre­zen­stand, den es eh in jeder Tou­ris­ten­mei­le gibt. Geschmack­lich und qua­li­ta­tiv lie­gen zudem Wel­ten zwi­schen den ein­zel­nen Anbie­tern.

Die Bot­schaft, die von den Ver­an­stal­tern trans­por­tiert wird, lau­tet: Die­ses Essen ist gesund, weil bio, vege­ta­risch, vegan, frisch gekocht usw.. Das glaubt man ger­ne und doch, wenn man genau­er hin­schaut, gibt es hin­ter dem Licht auch einen Schat­ten: Ein cup­ca­ke oder süße Waf­feln wer­den nun mal nicht gesün­der, wenn sie aus einem hüb­schen Wagen gereicht wer­den. Auch wenn die vie­len Eier dar­in von glück­li­che­ren Hüh­nern stam­men. Ein Bur­ger aus dem Foodtruck bleibt Fast Food, auch wenn das Fleisch vom Biorind ist. Das Weiß­mehl­bröt­chen macht die Biorind-Bilanz eben wie­der zunich­te. Es wird viel Fett ver­wen­det bzw. frit­tiert und ich neh­me an, dass kei­ne kalt­ge­press­ten Spit­zen­öle zum Ein­satz kom­men. Dazu trinkt man ein hip­pes Getränk mit zau­ber­haf­tem Namen, das nicht viel weni­ger Zucker beinhal­tet als eine „nor­ma­le” Cola oder Limo.

Die Idee des bewuß­te­ren und nach­hal­ti­ge­ren Essens fin­de ich super. Der Genuß fürs Auge und das Ken­nen­ler­nen von z.B. asia­ti­schem Street­food scheint mir eben­falls groß­ar­tig. Doch in den Köp­fen bleibt hän­gen: street­food ist gesund (ist es nicht), schnel­les Essen im Ste­hen ist cool (ist es nicht), frit­tier­tes Eis ist groß­ar­tig (sicher nicht für den Magen), sel­ber kochen ist uncool (ist es nicht), usw..

Somit legi­ti­miert die hip­pe Fas­sa­de ein schnel­les Essen (fast food), das sicher­lich in vie­len Fäl­len qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger und gesün­der ist als alles, was aus dem Schnell­re­stau­rant kommt. Aber weit ent­fernt von frisch gekoch­ter, har­mo­ni­sie­ren­der Nah­rung aus der eige­nen Küche, dem „real food”. Denn nur dort kann ich auf wei­ße Lebens­mit­tel ver­zich­ten (Zucker, Tafel­salz, Weiß­mehl, wei­ßer Reis) sowie auf zuck­ri­ge Sau­cen, die den Bur­gern, dem geflamm­ten Lachs, den Spi­ral­kar­tof­feln, den Texmex Gerich­ten und vie­lem mehr bei­gemischt wer­den. Wird man durch einen Street­food-Markt inspi­riert, kann man zuhau­se expe­ri­men­tie­ren. Ver­mut­lich der bes­te Kom­pro­miss, es gibt wie gesagt fei­ne Bücher dazu.

 

 

Bei­trags­pho­to by Adri­an­na Cal­vo from Pexels

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