Ist Intervallfasten gut für mich?

Der­zeit erle­be ich ein span­nen­des Phä­no­men: Freun­de, mit denen ich mich zum Abend­essen ver­ab­re­den möch­te, set­zen ein inter­es­san­tes Zeit­fens­ter: bit­te um 17 Uhr, nicht spä­ter als 18 Uhr, vor der Dun­kel­heit o.ä. höre ich da und freue mich, dass nicht ICH die frü­he Zeit vor­ge­be (und oft genug Augen­rol­len dafür ern­te) son­dern die ande­ren :-).

Beim Nach­fra­gen nach dem Grund des vor­ge­zo­ge­nen Abend­mahls höre ich meis­tens das Zau­ber­wort Inter­vall­fas­ten. Das ist der­zeit in aller Mun­de und natür­lich in allen Medi­en. Reflex­ar­tig mag man das als einen der vie­len Hypes abtun, die die Food Sze­ne in den letz­ten Jah­ren zum Dschun­gel von Trend­diä­ten auf­ge­bläht hat. Wenn man die Idee jedoch ent­blät­tert und auf die Geschich­te dahin­ter blickt, wird schnell klar, dass man es mit einer jahr­tau­sen­de­al­ten Ernäh­rungs­wei­se zu tun hat, die in fast allen Heil­tra­di­tio­nen und Kul­tu­ren bekannt war und gelebt wur­de. Ganz ein­fach, weil man sehr vie­le Vor­tei­le für Gesund­heit und Wohl­erge­hen beob­ach­ten konn­te, die heu­te durch Stu­di­en nach und nach bestä­tigt wer­den.

 

Gesundheitliche Vorteile

Dem Inter­vall­fas­ten (oder inter­mit­tie­ren­dem Fas­ten) wer­den fol­gen­de Wir­kun­gen zuge­schrie­ben, die sich von Per­son zu Per­son anders aus­drü­cken kön­nen. Es

  • unter­stützt das Abneh­men ohne Jojo-Effekt
  • ver­bes­sert die Insu­lin­emp­find­lich­keit, schützt vor Diabetes2
  • ver­rin­gert oxi­da­ti­ven Stress
  • ver­tieft die men­ta­le Leis­tungs­fä­hig­keit und Klar­heit
  • unter­stützt einen erhol­sa­men Schlaf
  • ermög­licht reich­lich Ener­gie
  • lin­dert Ent­zün­dun­gen
  • unter­stützt Repar­ra­tur­pro­zes­se des Kör­pers
  • ver­rin­gert die Häu­fig­keit von Herz-Kreis­lauf-Erkran­kun­gen
  • senkt die Wahr­schein­lich­keit von Krebs­er­kran­kun­gen bzw. unter­stützt Krebs­the­ra­pi­en
  • lin­dert Stim­mungs­schwan­kun­gen und Depres­sio­nen
  • wirkt rei­ni­gend auf Kör­per und Geist
  • und in der Sum­me all der Vor­tei­le erhöht es die Lebens­qua­li­tät und -erwar­tung.

Das Inter­vall­fas­ten ist sehr leicht zu rea­li­sie­ren, zeit­lich fle­xi­bel umsetz­bar, sehr all­tags- und fami­li­en­taug­lich, es erfor­dert kei­ne extre­men Maß­nah­men und ist wis­sen­schaft­lich fun­diert.

Inter­vall­fas­ten ist übri­gens kei­ne Diät, son­dern eine Ernäh­rungs­wei­se, bei der man die Ein­nah­me­zei­ten der Nah­rung im Tages­ver­lauf begrenzt. Dafür gibt es ver­schie­de­ne Ansät­ze, aus denen man den­je­ni­gen aus­wäh­len kann, der am bes­ten zu einem passt.

Die Ayur­ve­dis geben in ihren Tex­ten eben­falls bestimm­te Zeit­räu­me für die Nah­rungs­auf­nah­me an. Sie nen­nen es „meal spa­cing” und bin­den es an die idea­len Zei­ten der Ver­dau­ungs­kraft. Die Idee dahin­ter ist iden­tisch, es geht dar­um, der Ver­dau­ung Ruhe­zei­ten zu gön­nen und die Ener­gie für ALLE phy­sio­lo­gi­schen Tätig­kei­ten im Kör­per hoch­zu­hal­ten.

Inter­vall­fas­ten hat einen gewal­ti­gen Vor­teil gegen­über dem „klas­si­schen” Fas­ten, bei dem man ent­we­der die Kalo­ri­en­zu­fuhr für eine gewis­se Zeit stark redu­ziert oder eini­ge Tage ganz auf Essen ver­zich­tet. Bei­de Vari­an­ten las­sen meist Hun­ger­ge­füh­le ent­ste­hen, die men­tal eine ech­te Her­aus­for­de­rung sein könn­ten. Es ist nicht immer ein­fach, jeman­den davon zu über­zeu­gen, dass er/sie ein län­ge­res, gesün­de­res Leben füh­ren wird, wäh­rend man ein stän­dig nagen­des Hun­ger­ge­fühl im Magen ver­spürt. Fas­ten und Heil­fas­ten sind auch nicht immer für alle Kon­sti­tu­tio­nen geeig­net. Ein luf­ti­ger sog. Vatatyp hat mit Fas­ten über einen Tag hin­aus durch­aus Mühe und belas­tet sei­ne ohne­hin nicht sehr regel­mä­ßi­ge Ver­dau­ungs­kraft zusätz­lich. Für einen erdi­gen Kapha­ty­pen kann es dafür genau das rich­ti­ge sein.

 

Verschiedene Methoden zur Auswahl

Inter­vall­fas­ten jedoch passt für jeden und es geht so: In einem Zeit­raum von min­des­tens 12 Stun­den pro Tag wird kei­ne Nah­rung auf­ge­nom­men. Man isst z.B. die letz­te Mahl­zeit um 19 Uhr und das Früh­stück um 7 Uhr. Das wäre die Min­dest­zeit, mit der man von Inter­vall­fas­ten spre­chen kann und es erscheint den meis­ten von uns mög­li­cher­wei­se sehr easy. Die­ses Inter­vall ent­spricht einem natür­li­chen zir­ka­dia­nen Rhyth­mus der Natur. Die­ses Mini­mum gibt der Ver­dau­ung eine aus­rei­chen­de Pau­se, damit sich der Kör­per auf Ruhe und Repa­ra­tur kon­zen­trie­ren kann.

Einen wesent­lich grö­ße­ren Effekt erzielt man, wenn man die­se 12 Stun­den fas­ten aus­dehnt auf 13 oder 14 Stun­den. Das Abend­essen also frü­her und/oder das Früh­stück spä­ter plant. Eine sehr gehyp­te Vari­an­te ist das 16:8 Fas­ten, bei dem das Fens­ter der Nah­rungs­auf­nah­me auf 8 Stun­den ver­kürzt wird, z.B. zwi­schen 9 und 17 Uhr. Das Essen soll­te dann nähr­stoff­reich und hoch­wer­tig sein, lee­re Kalo­ri­en füh­ren zu Hun­ger­at­ta­cken und Man­gel­er­näh­rung. Ich bin mir nicht sicher, ob die­se extre­me­re Vari­an­te nicht einen logis­ti­schen und auch sozia­len Stress ver­ur­sa­chen kann, der eher kon­tra­pro­duk­tiv wirkt. Des­halb emp­feh­le ich die­se Vari­an­te nicht. Hat aber jemand damit kei­ne Mühe und sehr gute Erfah­run­gen, ist das natür­lich super. Fakt ist, dass eine Fas­ten­zeit von 14 Stun­den und mehr die sog. Auto­pha­gie för­dert, d.h. der Orga­nis­mus „isst” sei­ne abge­stor­be­nen Zel­len und wan­delt sie in neue Zel­len um oder ver­brennt sie zur Ener­gie­ge­win­nung, eine Art Selbst­rei­ni­gungs­me­cha­nis­mus. Für die Erfor­schung der Auto­pha­gie wur­de der Japa­ner Joshi­no­ri Ohs­u­mi 2016 mit dem Nobel­preis für Medi­zin geehrt.

Neue­re Berich­te und Stu­di­en beto­nen, dass eine Nah­rungs­zu­fuhr aus­schliess­lich bei Tages­licht sehr för­der­lich wirkt. Ein Sprich­wort dazu sagt: „when the sun goes down, the cooks go home”. Das mag für Regio­nen auf der Welt, die nahe am Äqua­tor lie­gen, sehr leicht rea­li­sier­bar sein. Mit unse­ren mit­tel­eu­ro­päi­schen Som­mer- und Win­ter-Son­nen­stän­den wäre eine gro­ße Unre­gel­mä­ßig­keit pro­gram­miert, die dann eher wie­der das Gegen­teil bewirkt: das Ver­dau­ungs­feu­er (agni) kennt sich nicht mehr aus…

Eben­falls bekannt sind 5:2 -Vari­an­ten, bei denen an 5 Tagen die Woche nor­mal geges­sen wird und an 2 Tagen die Kalo­ri­en­zu­fuhr auf z.B. 500–800 Kalo­ri­en gedros­selt wird.

Vari­an­ten, bei denen 1 Tag gefas­tet wird und man am nächs­ten Tag essen kann was man will, um am über­nächs­ten Tag wie­der zu fas­ten, sind im ayur­ve­di­schen Kon­text aus­ge­schlos­sen. Das Ver­dau­ungs­feu­er benö­tigt eine regel­mä­ßi­ge Zufuhr von „Brenn­stoff”, die nie in die Extre­me geht bzw. nur inner­halb eines beglei­te­ten Fas­ten­kon­tex­tes (Heil­fas­ten, Ayur­ve­da­kur etc.). Die­se Art des Fas­tens kann dem Ver­dau­ungs­feu­er für län­ge­re Zeit den Gar­aus machen.

 

Eine kleines Aber

So gut und mach­bar das täg­li­che Inter­vall­fas­ten klingt, gibt es doch eine klei­ne Fal­le in die­sem Sys­tem. Es funk­tio­niert nicht, wenn man regel­mä­ßig spät ins Bett geht. Nach 22 Uhr, wenn der sog. „zwei­te Wind” kommt, die Ayur­ve­dis nen­nen das die Pitt­a­pha­se der Nacht, wird man wie­der etwas wacher und gleich­zei­tig hung­ri­ger. Dann wird es sehr schwer, nicht doch noch­mal in der Küche oder Vor­rats­kam­mer nach Ess­ba­rem zu suchen. In der Regel ist da kein ayur­ve­disch frisch gekoch­tes, leich­tes Essen weit und breit. Nimmt man einen Snack, fällt das Sys­tem zurück in den Ver­dau­ungs­mo­dus, das Gegen­teil von Ver­dau­ungs­pau­se. Gleich­zei­tig kann der inne­re Rei­ni­gungs­trupp nicht rege­ne­rie­ren, ver­jün­gen, ent­span­nen, trans­for­mie­ren und Ener­gie für den nächs­ten Tag auf­bau­en. Das pas­siert näm­lich wäh­rend die­ser feu­ri­gen Ener­gie­pha­se in der Nacht. Ist Essen im Magen, bleibt die Rei­ni­gung aus und das Ver­dau­en wird vor­ge­zo­gen.

Nun ken­nen wir Kul­tu­ren, z.B. die medi­ter­ra­nen Län­der, in denen schon mal spä­ter am Abend geges­sen wird. Das ist nicht opti­mal, doch haben die­se Län­der kei­ne Früh­stücks­tra­di­ti­on. Ist die nächs­te Mahl­zeit das Mit­tag­essen, besteht der indi­vi­du­el­le Inter­vall die­ser Men­schen mehr oder weni­ger aus dem bre­ak­fast skip­ping. Das kann funk­tio­nie­ren, wenn die inne­re Uhr seit Geburt so ein­ge­stellt ist.
In Stu­di­en wur­de aller­dings ein­deu­tig belegt, dass din­ner can­cel­ling den meis­ten Men­schen eher ein Ide­al­ge­wicht, gute Gesund­heit und kraft­vol­le Ener­gie beschert als das Früh­stück aus­zu­las­sen.

 

Intervallfasten für unterschiedliche Konstitutionstypen

Inter­vall­fas­ten ist für jeder­mann geeig­net, auch wenn man sei­ne ayur­ve­di­sche Kon­sti­tu­ti­on nicht kennt. Soll­te man aller­dings erfah­ren sein mit den ayur­ve­di­schen Prin­zi­pi­en oder eine soli­de Kon­sti­tu­ti­ons­ana­ly­se bei einem Ayur­ve­daarzt oder -the­ra­peu­ten erhal­ten haben, kann man sein Inter­vall­fas­ten noch wei­ter fein­tu­nen.

 

Inter­vall-Fas­ten für erdi­ge Kapha-Men­schen:

  • der Vor­mit­tag könn­te mit einem Saft oder Smoot­hie zwi­schen 10:30 und 11 Uhr über­brückt wer­den. Kapha-Typen haben meist kei­nen Hun­ger am Mor­gen
  • die Haupt­mahl­zeit fin­det zwi­schen 12:00 und 14:00 Uhr statt
  • ein leich­tes Abend­essen (z.B. Sup­pe oder Ein­topf) been­det die Nah­rungs­zu­fuhr zwi­schen 17:00 und 19:00 Uhr. In die­ser Mahl­zeit soll­te man auf Schwe­res wie Fleisch, Käse oder ein Über­maß an Getrei­de ver­zich­ten

Kapha-Typen sind eher ent­spannt, was das Essen betrifft. Ihre Ver­dau­ung ist meist lang­sam und oft rei­chen 2 Mahl­zei­ten pro Tag, Bei die­ser Art des Fas­tens kön­nen sehr schnell über­schüs­si­ges Was­ser und Schla­cken abge­baut wer­den. Bei einem Rhyth­mus von 2 Mahl­zei­ten pro Tag wird sich ein ange­neh­mes Gefühl von Leich­tig­keit ein­stel­len, ein Strah­len von Innen wird sicht­bar.

 

Inter­vall-Fas­ten für feu­ri­ge Pit­ta-Men­schen:

  • leich­tes Früh­stück zwi­schen 9 und 9:30 Uhr
  • nährs­off­rei­che Haupt­mahl­zeit zwi­schen 12:00 — 13:00 Uhr mit viel Gemü­se, Getrei­de, hoch­wer­ti­gen Pro­te­inen und Fet­ten
  • Abend­essen um ca.17:30 Uhr

Pit­ta-Typen ver­spü­ren in der Regel einen aus­ge­präg­ten Hun­ger, vor allem wenn ihre Ver­dau­ung gut ist. Alle Mahl­zei­ten soll­ten gut sät­ti­gen, sonst wird der Pit­ta-Typ leicht „han­gry” (hungry und angry). 14:10-Fasten ist in der Regel leich­ter durch­zu­hal­ten als 16:8. Die Haupt­mahl­zeit am Mit­tag soll­te aus­rei­chend hoch­wer­ti­ge Pro­te­ine und Fet­te ent­ahl­ten, damit es spä­ter am Tag nicht zu star­ken Gelüs­ten und Hun­ger kommt. Es emp­fielt sich, zu Beginn der Umstel­lung die Abend­mahl­zeit etwas sub­stan­ti­el­ler zu gestal­ten und schritt­wei­se leich­ter zu machen.
Unter­stützt wird das Fas­ten mit dem Trin­ken von viel Was­ser, vor allem abge­kocht und abge­kühlt auf Raum­tem­pe­ra­tur. Eben­falls emp­feh­lens­wert sind grü­ner Saft oder Smoot­hies, Aloe Saft oder an hei­ßen Tagen Kokos­was­ser. Tee mit Kur­ku­ma, Ing­wer und Kori­an­der hilft Pit­tas bei der Ent­gif­tung.

 

Inter­vall-Fas­ten für luf­ti­ge Vata-Men­schen:

  • leich­tes, war­mes, cre­mi­ges Früh­stück um ca. 10 Uhr.
  • Die nähr­stoff­rei­che Haupt­mahl­zeit fin­det zwi­schen 12:30 und 14 Uhr statt
  • Abend­essen um ca.17:00 — 18:30 Uhr

Vata-Typen haben eine eher unre­gel­mä­ßi­ge Ver­dau­ung. Wenn sie sehr beschäf­tigt sind, kön­nen sie schon mal das Essen ver­ges­sen. Sind sie ner­vös, sna­cken sie sehr viel zwi­schen­durch, was die Ver­dau­ung erschwert. Für die­se Per­so­nen­grup­pe ist eine regel­mä­ßi­ge Essens­zeit extrem hilf­reich. Auch für Vata-Men­schen ist das 12:12 und 14:10- Fas­ten leich­ter mög­lich als 16:8. Die Über­gangs­zeit in einen regel­mä­ßi­gen Rhyth­mus ohne sna­cken kann etwas län­ger dau­ern. Hier ist Bestän­dig­keit gefragt und der Erfolg stellt sich über klei­ne Schrit­te von Tag zu Tag ein. Die Spei­sen soll­ten haupt­säch­lich warm, feucht, ölig und gut gewürzt sein, sup­pi­ge Cur­ries, Ein­töp­fe und cre­mi­ges sind von Vor­teil.

Nur bunt ist gsund?

Surft man durch das welt­wei­te Web zum The­ma Food, fällt einem zuerst eines auf: viel Far­be. Das pro­du­ziert eine Genera­ti­on, für die Essen erst mal vor­ran­gig ein „Event“ ist. Für die auch das hedo­nis­ti­sche Prin­zip gilt, alles zu jeder Zeit kon­su­mie­ren zu kön­nen und dabei auf maxi­ma­len Geschmack und Befrie­di­gung aller Sin­ne, also auch der Augen zielt. Essen muss bunt und foto­gen sein, was bei Insta­gram nicht gut aus­sieht, fällt über die Tisch­kan­te. Man „fol­lo­wed“ Bil­dern von Smoot­hies, Sala­ten und Bowls und setzt eher auf Optik als auf Inhalt. Bun­te Obst- und Gemü­se­schüs­seln ver­mit­teln ver­ständ­li­cher­wei­se einen sehr gesun­den Ein­druck und sie kön­nen es auch sein. Man ver­gisst aller­dings, dass die guten Eigen­schaf­ten nicht allei­ne durch die Far­be kom­men.

Nun spricht natür­lich gar­nichts gegen Far­be im Essen. Im Gegen­teil. Eat the rain­bow, das hört und liest man in fast allen Ernäh­rungs­emp­feh­lun­gen, die eini­ger­ma­ßen seri­ös sind. Das deckt sich mit der alten ayur­ve­di­schen Weis­heit, täg­lich alle 6 Geschmacks­rich­tun­gen (süß, sau­er, sal­zig, scharf, bit­ter, herb) zu ver­zeh­ren. Wenn man die Lis­te der Lebens­mit­tel zur jewei­li­gen Geschmacks­rich­tung nicht im Kopf hat (ich hab sie nicht), hilft der Regen­bo­gen. Je mehr Far­ben, des­to mehr Geschmä­cker hat man auf dem Tel­ler ver­sam­melt.

Nur: es gibt auch super gesun­des Essen, das nicht insta­gra­ma­ble ist bzw. das man ein­fach nicht foto­gra­fie­ren mag. Weils aus­sieht wie K.… ;-). Mung­boh­nen-Dal oder -sup­pe zum Bei­spiel. Grün­brau­ne Pam­pe, ein schö­ne­res Wort gibt es nicht dafür. Der Inhalt, also Pro­te­ine, Nähr­stof­fe und Mikro­nähr­stof­fe sind dafür vom aller­feins­ten. Auf­bau­end für die Gewe­be, näh­rend bis in die letz­te Zel­le, sät­ti­gend, stär­kend und har­mo­ni­sie­rend. Wegen die­ser Eigen­schaf­ten emp­feh­len ayur­ve­di­sche Ärz­te und Ernäh­rungs­be­ra­ter die­se Gerich­te zum regel­mä­ßi­gen Ver­zehr, 1–2 mal pro Woche darfs schon sein. Ist man Vege­ta­ri­er, könn­te man eine Mung­boh­nen­sup­pe auch als das vege­ta­ri­sche „Bone­broth“ bezeich­nen.

 

kitchari mungbohnen

Eigent­lich müss­te jedes Health Food Café Gerich­te mit Mung­boh­nen auf der Kar­te haben. Oder Reis­sup­pen (Kan­jis). Oder Kit­cha­ris, ein Ein­topf aus Reis und gel­ben Mung­boh­nen oder Lin­sen, optio­nal auch mit Gemü­se. Ist aber nicht so. Weil Health für Beau­ty geop­fert wird. Und hier schie­ßen wir uns sozu­sa­gen ins eige­ne Knie. Die­se Hal­tung bezieht sich übri­gens auf vie­le Fel­der in unse­rem Leben: Essen, Kos­me­tik (Mikro­plas­tik), Haar­far­be (Che­mie), Mode (gif­ti­ge Farb­stof­fe und kur­ze Lebens­dau­er), man könn­te die Lis­te fort­set­zen.

Wenn ich mit Köchen von eher hip­pen vegetarisch/veganen Loka­len spre­che, die sich mit gesund­heits­för­dern­der Ernäh­rung aus­ken­nen (vie­le gibt es lei­der nicht), hal­ten sie die­se Gerich­te für nicht ver­käuf­lich wegen der Optik. An die­sem schi­zo­phre­nen Punkt ste­hen wir also mit unse­rer Obses­si­on für gesun­de Ernäh­rung. Es gibt Aus­nah­men, in Wien ist mir das kürz­lich begeg­net: grains in der Gum­pen­dor­fer­stras­se, der Mor­gen­brei ist super und ohne chi­chi. z.B. Con­gee mit Miso, Gemü­se und Soja­sauce gewinnt kei­nen Schön­heits­preis aber ist eine Wohl­tat.

 

Eiszeit im Magen

Zur Zeit hal­te ich mich aber nicht in Wien son­dern in Süd­goa auf und bin nach einem Monat Indi­en schon etwas „aus­ge­cur­ried”. Als Alter­na­ti­ve bleibt das loka­le Health Food Café, wo es unter ande­rem die obli­ga­to­ri­schen bun­ten Smoot­hie­bowls gibt, z.B. die berühm­te Acai Bowl. Far­be und Top­pings sind meist so unfass­bar schön, dass man das Kunst­werk kaum zer­stö­ren mag. Wenn man dann den ers­ten Löf­fel geschluckt hat, der Schreck. Eises­käl­te strömt in den Magen. Das ist bei den meis­ten Smoot­hie­bowls der Fall, zumin­dest bei denen, die ich bis­her pro­biert habe. In einem Health Food Lokal habe ich des­halb letz­ten Herbst eine Tas­se hei­ßes Was­ser bestellt und hin­ein­ge­schüt­tet. Die Mie­ne der Ser­vice­kraft ent­sprach der Tem­pe­ra­tur der Bowl. Vor dem hei­ßen Was­ser. Ich glau­be, sie hielt mich für eine total uncoo­le Zicke, die kei­ne Ahnung hat von einem „gesun­den“ Früh­stück :-)).

Die Käl­te rührt übri­gens aus der Erkennt­nis, dass Smoot­hies mit gefro­re­nem Obst wesent­lich cre­mi­ger und fes­ter wer­den und dadurch gelöf­felt wer­den kön­nen. Tex­tur geht also vor Ver­dau­ungs­kraft.

Es erin­nert mich an ein Prin­zip aus einem ande­ren Bereich. In Archi­tek­tur und Design lau­tet das Mot­to: Form fol­lows func­tion. Wer das nicht beach­tet, kann lang­fris­tig nicht erfolg­reich sein. Der Sinn und Zweck eines Gebäu­des, Gegen­stan­des oder einer Wer­be­maß­nah­me muss eine Funk­ti­on erfül­len und sobald dies gewähr­leis­tet ist, kommt die Ästhe­tik ins Spiel.

 

Gesundheit vor Schönheit

Auf Ernäh­rung über­tra­gen müss­te es hei­ßen: Optik folgt Ver­dau­ungs­funk­ti­on. Das klingt jetzt nicht so cool. Ist aber essen­ti­ell für die Balan­ce in unse­rem Kör­per, egal ob man dabei an die Hor­mon­ba­lan­ce denkt, die Dosha­ba­lan­ce, das Säu­re-Basen-Gleich­ge­wicht oder den aus­ge­gli­che­nen Schlaf. Erst wenn die Unter­stüt­zung der Ver­dau­ung gewähr­leis­tet ist, macht man die Spei­se zusätz­lich noch „schön“, oft ist das übri­gens gar­nicht nötig, weil sie von Natur aus auch das Auge erfreut. Eine eis­kal­te Smoot­hie­bowl ist nun das Gegen­teil. Die Ver­dau­ungs­kraft wird durch die Käl­te sofort ver­ab­schie­det. Und das Pra­na, also die Lebens­en­er­gie der Früch­te in der Bowl wur­de im Vor­feld bereits im Tief­kühl­fach redu­ziert. Macht Sinn? Née.. Im Win­ter in Mit­tel­eu­ro­pa erst recht nicht.

In eini­gen Loka­len wer­den übri­gens für das Erzie­len der gewünsch­ten Kon­sis­tenz Chia­sa­men oder Getrei­de­flo­cken dazu­ge­mixt. Das sät­tigt nicht nur bes­ser, man kann es sogar erwär­men, was im Win­ter ein sehr ange­neh­mes Bauch­ge­fühl ver­mit­telt. Ein mög­li­ches Rezept.

Mut zur Häss­lich­keit ist also neben dem Regen­bo­gen­es­sen die Devi­se, und ja, man darf das durch­aus Freun­den zumu­ten. Auch nicht foto­ge­ne und vor allem ein­fa­che Gerich­te (man den­ke an Man­gold, Spi­nat, Kohl, Kraut, Brat­kar­tof­feln usw.) gewin­nen auf ande­ren Ebe­nen, z.B. durch Nähr­stoff­dich­te oder har­mo­ni­sie­ren­de Eigen­schaf­ten. Nicht nur Magen und Darm wer­den es dan­ken, auch die Aus­ge­gli­chen­heit und Lebens­freu­de wächst. In Ayur­ve­dakli­ni­ken wer­den sehr viel wei­ße und grü­ne Gemü­se gege­ben, weil sie die Ent­gif­tung des Kör­pers unter­stüt­zen. Da freut man sich ver­ständ­li­cher­wei­se nach ein paar Wochen wie ein Kind über das oran­ge der Karot­ten oder das rot der Bete :-).

Das völ­li­ge Feh­len von hedo­nis­ti­schen Lau­nen und Gelüs­ten nach Men­ge (all you can eat), stän­di­ger Ver­füg­bar­keit oder beson­de­rer Far­ben­freu­de ist übri­gens eines der Geheim­nis­se, die die Men­schen auf Oki­na­wa aus­zeich­net. Sie wer­den sehr gesund alt. Wenn man allen Ver­su­chun­gen erliegt, beson­ders bei der Ernäh­rung, schwächt man sei­nen Kör­per. Sehr bunt beschrie­ben im Buch „Iki­gai“, das eini­ge ande­re lebens­ver­län­gern­de Ernäh­rungs- und Lebens­weis­hei­ten beinhal­tet. Lesens­wert!

Streetfood — das bessere Fast Food?

Es ist Som­mer und somit Zeit für die jähr­lich wie­der­keh­ren­den Street­food Fes­ti­vals. Gemeint ist eine Ansamm­lung von „Foodtrucks”, wie mobi­le Kios­ke seit eini­ger Zeit hei­ßen, und die auch auf vie­len Som­mer­fes­ten wie z.B. dem Toll­wood in Mün­chen schon seit Jahr­zehn­ten ver­tre­ten sind. Jun­ge Gas­tro­no­men haben vor eini­gen Jah­ren das Fast­food auf Rädern in den Fokus gerückt mit krea­ti­ven Ide­en, viel Herz­blut und Zuta­ten aus Bio- oder regio­na­lem Anbau. Zeit­gleich kam ein klei­ner Koch­buch­hype zum The­ma in die Buch­lä­den und schon waren die klei­nen, exo­ti­schen Spei­sen aus der Hand schick.

Anfangs hab ich mich ger­ne durch das Ange­bot gefut­tert auf der Suche nach neu­en Ide­en, Aro­men und vor allem aus Freu­de über die jun­gen Enthu­si­as­ten IM Foodtruck und das schö­ne Design eben sel­ber. Aber wie jeder Trend, kann die Kom­mer­zia­li­sie­rung der ursprüng­li­chen Idee schnell den Gar­aus machen und so scheint es mir auch bei besag­ten Street­food Fes­ti­vals zu sein. Wenn man an den Wagen vor­bei­schlen­dert ist nicht mehr alles Design und krea­tiv, son­dern da steht dann auch der ganz nor­ma­le Sup­pen­wa­gen neben dem Bre­zen­stand, den es eh in jeder Tou­ris­ten­mei­le gibt. Geschmack­lich und qua­li­ta­tiv lie­gen zudem Wel­ten zwi­schen den ein­zel­nen Anbie­tern.

Die Bot­schaft, die von den Ver­an­stal­tern trans­por­tiert wird, lau­tet: Die­ses Essen ist gesund, weil bio, vege­ta­risch, vegan, frisch gekocht usw.. Das glaubt man ger­ne und doch, wenn man genau­er hin­schaut, gibt es hin­ter dem Licht auch einen Schat­ten: Ein cup­ca­ke oder süße Waf­feln wer­den nun mal nicht gesün­der, wenn sie aus einem hüb­schen Wagen gereicht wer­den. Auch wenn die vie­len Eier dar­in von glück­li­che­ren Hüh­nern stam­men. Ein Bur­ger aus dem Foodtruck bleibt Fast Food, auch wenn das Fleisch vom Biorind ist. Das Weiß­mehl­bröt­chen macht die Biorind-Bilanz eben wie­der zunich­te. Es wird viel Fett ver­wen­det bzw. frit­tiert und ich neh­me an, dass kei­ne kalt­ge­press­ten Spit­zen­öle zum Ein­satz kom­men. Dazu trinkt man ein hip­pes Getränk mit zau­ber­haf­tem Namen, das nicht viel weni­ger Zucker beinhal­tet als eine „nor­ma­le” Cola oder Limo.

Die Idee des bewuß­te­ren und nach­hal­ti­ge­ren Essens fin­de ich super. Der Genuß fürs Auge und das Ken­nen­ler­nen von z.B. asia­ti­schem Street­food scheint mir eben­falls groß­ar­tig. Doch in den Köp­fen bleibt hän­gen: street­food ist gesund (ist es nicht), schnel­les Essen im Ste­hen ist cool (ist es nicht), frit­tier­tes Eis ist groß­ar­tig (sicher nicht für den Magen), sel­ber kochen ist uncool (ist es nicht), usw..

Somit legi­ti­miert die hip­pe Fas­sa­de ein schnel­les Essen (fast food), das sicher­lich in vie­len Fäl­len qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger und gesün­der ist als alles, was aus dem Schnell­re­stau­rant kommt. Aber weit ent­fernt von frisch gekoch­ter, har­mo­ni­sie­ren­der Nah­rung aus der eige­nen Küche, dem „real food”. Denn nur dort kann ich auf wei­ße Lebens­mit­tel ver­zich­ten (Zucker, Tafel­salz, Weiß­mehl, wei­ßer Reis) sowie auf zuck­ri­ge Sau­cen, die den Bur­gern, dem geflamm­ten Lachs, den Spi­ral­kar­tof­feln, den Texmex Gerich­ten und vie­lem mehr bei­gemischt wer­den. Wird man durch einen Street­food-Markt inspi­riert, kann man zuhau­se expe­ri­men­tie­ren. Ver­mut­lich der bes­te Kom­pro­miss, es gibt wie gesagt fei­ne Bücher dazu.

 

 

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