Kochen als Meditation

jeong kwan

Jeong Kwan: Südkoreanisches Templefood

Net­flix habe ich vor einem Jahr nur des­halb zur Pro­be abon­niert, weil ich die Doku­men­ta­tio­nen der Farm-to-table-Köche (z.B. Dan Bar­ber) in der Serie Chef’s Table anse­hen woll­te. Es wur­de zu einem bin­ge-watching (Wki­pe­dia über­setzt das mit Koma­glot­zen) fast aller Epi­so­den mit dem Ergeb­nis, dass ich kei­ne Pin­zet­ten mehr sehen kann, die irgend­wel­che Minia­tur­le­bens­mit­tel auf Tel­ler dra­pie­ren zu einem kuli­na­ri­schen Gesamt­kunst­werk, das dann auf rau­chen­den Tel­lern zum Gast schwebt. Auch wenn mein Desi­gner­au­ge das umwer­fend schön fin­det, ist es so weit weg von ech­ter Küchen­rea­li­tät.
Die Serie ent­hält natür­lich vie­le kuli­na­ri­sche Per­len und wenn man sie lang­sam „isst”, gibts auch kei­nen Über­druss.

Gelohnt hat sich der Doku-Mara­thon aber vor allem wegen des Films über das Tem­ple­food der korea­ni­schen Non­ne Jeong Kwan, der die drit­te Staf­fel eröff­net. Hier wird Kochen als Medi­ta­ti­on zele­briert, es geht um Acht­sam­keit, Nach­hal­tig­keit, Sorg­falt im Umgang mit Nah­rung, Tra­di­tio­nen und die völ­li­ge Absti­nenz von Ego, also ziem­lich das Gegen­teil der heu­ti­gen Rea­li­tät in der Gas­tro­no­mie.
Der Film ist auch eine Doku über acht­sa­mes Leben und eine schö­ne Inspi­ra­ti­on für die bud­dhis­ti­sche Lebens­wei­se. (Allei­ne für die­sen Film lohnt sich die Anmel­dung für den Gra­tis­mo­nat bei Net­flix).

Jeong Kwan bei der Arbeit zuzu­schau­en, allein das ist ein kuli­na­ri­scher Genuss. Sie bezeich­net sich sel­ber nicht als Köchin, son­dern als Non­ne. Dass sowohl Ster­ne­kö­che als auch Hob­by­kö­che aus aller Welt zu ihr pil­gern um von ihr zu ler­nen, ver­wun­dert sie wohl sel­ber am meis­ten. Sie nimmt aber die Gele­gen­heit ger­ne wahr, für ehr­li­ches Essen ohne Knob­lauch, Zwie­beln und Tier­pro­duk­te zu wer­ben. Und noch mehr für die Zeit, die Lebens­mit­tel und Spei­sen benö­ti­gen, um ihr vol­les Poten­zi­al zu ent­wi­ckeln. Klar geht es auf­grund ihrer Kul­tur um Kim­chi und Soja­saucen, aber das Prin­zip läßt sich auch auf unse­re Tra­di­tio­nen über­tra­gen. Anfan­gen könn­te man mit der Rei­fe­zeit von Brot­teig, der frü­her eben tage­lang ruhen durf­te und heu­te inner­halb einer Stun­de in den Ofen gescho­ben wird.

Jeong Kwan hat kei­ne Koch­leh­re absol­viert, doch jeder Hand­griff wirkt wie eine Zen-Übung, ihre Kom­po­si­tio­nen wie erle­se­ne Kunst. Beim Zuschau­en möch­te man am liebs­ten alles nach­ko­chen, was auf­grund feh­len­der Kennt­nis­se und Ver­füg­bar­keit der Zuta­ten nicht so leicht geht. Doch ein paar der Gerich­te klap­pen bei uns, das berühm­tes­te sind ihre gla­sier­ten Shi­take­pil­ze, die sie auch bei Koch­ta­gen in ihrem Klos­ter den Besu­chern vor­kocht.

Ich habe auf­grund der Bil­der im Film ver­sucht, das Gericht ein­fach nach­zu­ko­chen, aber irgend­was war noch nicht rund. Eine län­ge­re Recher­ché bei Chef­koch goog­le hat dann ver­schie­de­ne Rezep­te her­vor­ge­bracht und einen Link zur Buchung des Klos­ter­auf­ent­hal­tes ;-). Mit Hil­fe klei­ner you­tube Aus­schnit­te von Teil­neh­mern ihrer Kur­se ließ sich das Rezept dann irgend­wie nach­voll­zie­hen.
Wann immer ich fri­sche, hei­mi­sche Shi­take­pil­ze bekom­me (sie wer­den in Deutsch­land ange­baut), dür­fen die Teil­neh­mer unse­rer Retre­ats die­ses Gericht genies­sen. Es wird eher lang­sam auf klei­ne­rer Flam­me gekocht und ist unglaub­lich lecker. Hier gehts zum Rezept.

shitake pilze

7 häufige Denkfehler in unserer Ernährung

Da gibt es einen Koch­trend und ich krieg ihn nicht mit bzw. erst durch die­sen Arti­kel in der F.A.S. über „Meal Prep”. Kochen UND Essen wird heu­te schein­bar von vie­len Men­schen als eine zeit­auf­wän­di­ge Her­aus­for­de­rung emp­fun­den. Des­halb berei­tet man das Wochen­me­nü an einem Tag zu (z.B. Sonn­tag), die Spei­sen wer­den in Por­tio­nen im Kühl­schrank (oder Eis­fach) gela­gert und im Lau­fe der Woche Tup­per­do­se für Tup­per­do­se ver­zehrt. Man steht also ein­mal die Woche 5–6 Stun­den in der Küche statt 6 mal die Woche 45–60 Minu­ten (für Früh­stück und 1 Haupt­mahl­zeit). Wer rech­nen kann wird übri­gens was bemer­ken… ;-).

Medi­en, Inter­net, eini­ge Ernäh­rungs­be­ra­ter (!) und sog. Gesund­heits-Koch­bü­cher pro­mo­ten die­ses Vor­ko­chen, das auch batch coo­king genannt wird, als Lösung für Men­schen mit Gesund­heits­pro­ble­men und wenig Zeit. Die Emp­feh­lung, selbst zu kochen, ist per se eine super Idee. Die­se wird aller­dings durch das tage­lan­ge lagern kom­plett zunich­te gemacht, weil gekoch­te Nah­rung auch im Kühl­schrank kei­nes­wegs „fore­ver young” bleibt und durch das Lagern rela­tiv schnell wich­ti­ge Nähr­stof­fe abbaut und ziem­lich unge­sund wird. Erst recht durch das Erwär­men in der Mikro­wel­le. Die Unwis­sen­heit dar­über führt zu Denk­feh­lern, die ver­mut­lich aus Unbe­dacht­heit und eini­gen Fehl­in­for­ma­tio­nen genährt wer­den. Ich neh­me o.g. Arti­kel zum Anlaß, mit eini­gen Zita­ten ein paar die­ser Denk­mus­ter anzu­schau­en.

 

Denkfehler #1: Essen muss/darf nicht viel kosten

Nur knapp 25 Euro habe ich für die­sen kom­plet­ten Wochen­ein­kauf aus­ge­ge­ben. Zwar habe ich nicht alle Zuta­ten frisch ein­kau­fen müs­sen, denn die Grund­la­gen wie Reis, Hafer­flo­cken, Gewür­ze und Dosen­ge­mü­se hat­te ich bereits zu Hau­se.

Mit die­sem Betrag für fri­sche Lebens­mit­tel (Obst und Gemü­se) liegt man eher an der Unter­gren­ze für qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ge Zuta­ten pro Woche. Aus der Nah­rung bil­den sich unse­re Kör­per­zel­len, von denen wie­der­um die Kraft und Gesund­heit unse­rer Gewe­be und Orga­ne abhän­gen. Kommt min­der­wer­ti­ges (Essen) rein, kommt min­der­wer­ti­ges (Gewe­be) raus, upcy­cling ist auf die­sem Weg nicht vor­ge­se­hen. Unter die­sem Gesichts­punkt scheint es mir sinn­vol­ler, die best­mög­li­che Qua­li­tät an Nah­rungs­mit­teln, die uns zur Ver­fü­gung steht, ein­zu­kau­fen. In ers­ter Linie sind das Lebens­mit­tel aus Bio­an­bau, sofern sie nicht über­durch­schnitt­lich lan­ge Wege vom Bau­ern bis zu uns auf sich neh­men muss­ten. Je näher die Pro­duk­te ange­baut wer­den, des­to güns­ti­ger sind sie übri­gens zu haben.

 

Denkfehler #2: Nahrung aus der Dose sind Lebensmittel

Um den­noch mög­lichst frisch und gesund zu kochen, möch­te ich aus­schließ­lich vega­ne Zuta­ten ver­wen­den, wie es auch vie­le Mit­glie­der der Meal-Prep-Com­mu­ni­ty tun. Die Grund­la­ge bil­den rote Lin­sen und Kid­ney­boh­nen, bei­des kommt vor­ge­kocht aus der Kon­ser­ven­do­se und muss nur umge­füllt wer­den.

Vega­ne Zuta­ten auf der Shop­ping­lis­te sind nicht auto­ma­tisch gesund. Vor allem nicht, wenn sie aus der Dose kom­men oder ander­wei­tig stark ver­ar­bei­tet sind. Man ent­schei­det sich dann näm­lich für Nah­rung ohne Pra­na (Lebens­en­er­gie), das durch die indus­tri­el­le Ver­ar­bei­tung ver­lo­ren geht.
Micha­el Pol­lan nennt die­se Din­ge in sei­nem Best­sel­ler (Essen sie nichts, was Ihre Groß­mutter nicht als Essen erkannt hät­te) „ess­ba­re Sub­stan­zen” und unter­schei­det sie klar von LEBENS-Mit­teln, die dem Kör­per Ener­gie, Kraft und Wohl­be­fin­den schen­ken. LEBENS-Mit­tel wie Gemü­se, Obst, Roh­milch usw. ver­der­ben nach kur­zer Zeit, des­halb kauft man sie immer so frisch wie mög­lich, bevor­zugt am Wochen­markt.

 

Denkfehler #3: Essen bereitet man so nebenbei zu

Noch bevor ich den ers­ten Topf aus dem Schrank hole, stel­le ich mei­nen Lap­top bereit: Wenn ich an einem Sonn­tag schon stun­den­lang in der Küche ste­hen muss, möch­te ich dabei wenigs­tens eine Serie anschau­en.

Ein Lei­den unse­rer Zeit: Mul­ti­tas­king, vie­le Din­ge gleich­zei­tig machen möch­ten, das sog. FOMO-Prin­zip, Fear Of Mis­sing Out. Letzt­end­lich macht man alle Sachen mit geteil­tem Fokus und hal­bem Her­zen, das Ergeb­nis ist dann oft nur halb befrie­di­gend. Der Autorin geht es ähn­lich, denn irgend­wann rea­li­siert sie, dass sie von der Serie am Lap­top nicht mehr viel mit­kriegt. Gut so, sie war irgend­wann beim Kochen voll bei der Sache :-).
In sei­nem eige­nen Zuhau­se hat man mehr als anders­wo die Mög­lich­keit, sich ohne den täg­li­chen Over­load auf eine ein­zel­ne Sache zu kon­zen­trie­ren. Die Freu­de beim Kochen, den die einen als Küchen­flow, ande­re als Medi­ta­ti­on bezeich­nen, kommt dann, wenn man sei­ne gan­ze Auf­merk­sam­keit dem Pro­zess wid­met.

 

Denkfehler #4: Frühstück aus dem Kühlschrank ist hip

Ich […] schnap­pe mir dann die ers­te Joghurt-Box aus dem Kühl­schrank. Das eis­kal­te Obst schmerzt ein wenig an den Zäh­nen…

Da fin­den sich ver­mut­lich vie­le wie­der, die mor­gens etwas kühl­schrank-kal­tes essen ;-). Unab­hän­gig von emp­find­li­chen Zäh­nen, ist es kei­ne Spit­zen­idee, mor­gens sehr kalt zu essen. Das Ver­dau­ungs­feu­er ist näm­lich noch im Halb­schlaf und kann daher das Sys­tem nicht wirk­lich „anhei­zen”. Zudem zeich­nen sich die Mor­gen­stun­den durch eine kal­te, rau­he, trä­ge und schwe­re Qua­li­tät aus, die durch iden­ti­sche Eigen­schaf­ten beim Früh­stück noch ver­stärkt wird („glei­ches erhöht glei­ches”).
Ide­al wäre das Gegen­teil, etwas war­mes, wei­ches, leich­tes, um die­se Eigen­schaf­ten des Mor­gens aus­zu­ba­lan­cie­ren („das gegen­tei­li­ge gleicht sich aus”). Lei­der ist das kei­ne gute Nach­richt für die Fans von Over­night Oats, der tren­di­gen Vari­an­te des Bir­cher­müs­lis. War­me Por­rid­ges oder Brei, gedüns­te­tes Obst bzw. alter­na­tiv Sup­pe oder Gemü­se wären dage­gen har­mo­ni­sie­ren­de Früh­stücks­op­tio­nen. Vie­les davon ist sehr schnell zuzu­be­rei­ten.

 

Denkfehler #5: Mikrowelle ist eine prima Möglichkeit, um Essen zu erwärmen

Und auch die Bud­dha-Bowl ist mit­tags noch tau­frisch: Mikro­wel­le auf, Tup­per­do­se rein, kurz erwär­men, dann die Sau­ce drü­ber.

Mikro­wel­le ver­än­dert die mole­ku­la­re Struk­tur von Lebens­mit­teln und macht damit jedes Pra­na (Lebens­en­er­gie), das in einer Nah­rung vor­han­den ist, zunich­te. In weni­gen Minuten/Sekunden. Wenn man Essen so erwär­men möch­te, dass Nähr­stof­fe erhal­ten blei­ben, eig­net sich bes­ser ein Dampf­ga­rer (Rege­ne­rie­ren-Funk­ti­on) oder ein­fach ein Koch­topf, falls dies am Arbeits­platz mög­lich ist. Mikro­wel­le und gesun­de Ernäh­rung sind defi­ni­tiv inkom­pa­ti­bel.

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Denkfehler #6: Gekochtes Essen hält sich im Kühlschrank viele Tage frisch

Tag 5: … Aber lei­der beginnt der Broc­co­li zu krän­keln, er ist so braun, dass ich ihn lie­ber weg­wer­fe. Besit­zen all die berühm­ten Meal-Prep­per ein­fach noch bes­se­re Dosen als ich? Käl­te­re Kühl­schrän­ke? Oder mit wel­chen gehei­men Tricks schaf­fen sie es, dass ihr Gemü­se eine gan­ze Woche lang frisch bleibt?

Tag 6: Nun sind es die Früch­te auf dem Joghurt. Schon beim Öff­nen der Dose schlägt mir ein fau­li­ger Geruch ent­ge­gen, der Inhalt lan­det kom­plett in der Ton­ne. Die Mär von weni­ger Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung hat mein Meal-Prep-Plan nicht erfüllt.

Ja so ist sie, die Natur ;-). Gesun­de Lebens­mit­tel ver­rot­ten. Micha­el Pol­lan emp­fiehlt des­halb zu Recht: „Essen Sie nur Lebens­mit­tel, die ver­der­ben kön­nen”.
Es gibt kei­nen gehei­men Trick und kei­ne bes­se­ren Dosen oder Kühl­schrän­ke. Wenn ein am Sonn­tag blan­chier­ter Bro­ko­li am Frei­tag noch frisch und grün aus­se­hen wür­de, hät­te ich ärgs­te Beden­ken, dass es sich dabei um ein Gen­mons­ter han­delt. Auch die Idee, Obst mit Joghurt gemischt könn­te nach 6 Tagen im Kühl­schrank noch frisch sein, klingt für mich etwas, ähmm… welt­fremd?
Gekoch­te Nah­rung soll­te sofort, spä­tes­tens aber inner­halb von 24 Stun­den geges­sen wer­den. Nach dem Kochen fängt die Fer­men­ta­ti­on an, das lässt sich zwar im Kühl­schrank ver­lang­sa­men, aber nicht stop­pen. Die Spei­sen ver­lie­ren zuk­zes­si­ve ihr Pra­na und auch ihren Geschmack. Für letz­te­res gibt es Aus­nah­men, vie­le ken­nen Ein­töp­fe, die am nächs­ten Tag fast noch bes­ser schme­cken, trotz­dem lie­fern sie weni­ger Ener­gie und Lebens­kraft als am Tag zuvor.
Es gibt Aus­nah­men wie Chut­neys, Mar­me­la­den, Pick­les, Gemü­se­pas­ten, Fer­men­tier­tes, Ein­ge­mach­tes usw., deren Vor­zü­ge sind ein eige­nes Kapi­tel wert.
In der moder­nen Arbeits­welt ist es oft die ein­zi­ge Mög­lich­keit, abends zu kochen und das gekoch­te am nächs­ten Tag als Mit­tag­essen noch­mals auf­zu­wär­men. Ein guter Kom­pro­miss, wenn er zeit­li­che Pro­ble­me löst und den Tag stress­frei­er gestal­tet. Über die­sen Tag hin­aus gela­ger­te Nah­rung ist dage­gen nicht sehr viel hoch­wer­ti­ger als z.B. Essen in der Kan­ti­ne, das ja auch sel­ten frisch ist. Der Kör­per pro­du­ziert mit abge­stan­de­ner Nah­rung AMA (Unver­dau­tes, Halb­ver­dau­tes, Toxi­ne, Schla­cken), das die Ver­dau­ung schwächt und damit zusam­men­hän­gen­de Gesund­heits-Pro­ble­me ver­ur­sa­chen kann.

 

Denkfehler #7: Essen ist nicht so wichtig/nebensächlich

Weil ich mir die Zeit fürs Kochen nicht mehr neh­men muss, wird auch das Ver­spei­sen selbst zur Neben­säch­lich­keit. Mein Mit­tag­essen schau­fe­le ich stets irgend­wo zwi­schen Tür und Angel in mich hin­ein, die Mit­tags­pau­sen wer­den kür­zer. Ich füh­le mich wie einer die­ser Kar­rie­re­men­schen, die immer einen abge­pack­ten Pro­te­in­rie­gel dabei­ha­ben – bloß kei­ne wert­vol­le Zeit mit dem Luxus der Nah­rungs­auf­nah­me ver­schwen­den! Viel­leicht liegt es auch an der Ein­tö­nig­keit: Kein Mensch auf der Welt kann sich schließ­lich über den drit­ten Hafer­brei in vier Tagen freu­en.

Sehr wert­vol­le Erkennt­nis. Und sie hat 2 Sei­ten. Wenn man die Ernäh­rung der Blue Zones betra­chet, hat das Kochen und Essen dort tat­säch­lich kei­nen so hohen Stel­len­wert, man kocht frisch, ein­fach, was gera­de ver­füg­bar ist und das in klei­nen Por­tio­nen. Genau dar­in liegt der gesun­de Aspekt, Essen wird nicht über­frach­tet mit Genuss-Sucht, Diät­ide­en und Dog­mas.

Anders liegt der Fall, wenn man der Ernäh­rung gene­rell einen unbe­deu­ten­den Stel­len­wert in sei­nem Leben zuschreibt und dadurch evtl. min­der­wer­ti­ge Lebens­mit­tel, zur fal­schen Zeit oder in nicht pas­sen­der Men­ge ver­zehrt. Das Wis­sen um die Ernäh­rung, das frü­her durch Müt­ter und Groß­müt­ter wei­ter­ge­tra­gen wur­de, fehlt heu­te oft. Die Lebens­mit­tel­in­dus­trie füllt die­se Lücke mit bun­ten (syn­the­ti­schen) Ver­spre­chen, meist völ­lig natur­fer­nen Her­stel­lungs-Ver­fah­ren (die Milch­in­dus­trie ist ein anschau­li­ches Bei­spiel) und einer Lebens­mit­tel­aus­wahl aus der gan­zen Welt, die Sai­sons kom­plett igno­riert. Zusätz­lich über­flu­ten uns eine wach­sen­de Zahl von Ernäh­rungs-Gurus (oft frei von jeg­li­chem ernäh­rungs­me­di­zi­ni­schem Wis­sen) mit oft ver­wir­ren­den Kon­zep­ten (Stein­zeit, Low­Carb, NoCarb, High­Carb, High­Fat, Low­Fat, Frei von… usw.). Ich ver­ste­he jeden, der sich da nicht mehr aus­kennt und dem nahe­lie­gens­ten Trend folgt, und sei es Meal­Prep ;-).

Die Prio­ri­tät für das Essen und sei­ne Zube­rei­tung ging irgend­wann par­al­lel zum Anstieg ande­rer, (schein­bar) wich­ti­ger Akti­vi­tä­ten, mit denen wir unse­ren Tag voll­pla­nen, zurück. Für unse­re Mütter/Väter/Großmütter war für das Kochen ein fixes Zeit­fens­ter ein­ge­plant, das war gar­nicht dis­pon­a­bel. Wohl­be­fin­den und Lang­le­big­keit läßt sich eng mit unse­rer indi­vi­du­el­len Prio­ri­tät für frisch gekoch­te Nah­rung ver­knüp­fen. Das liegt allei­ne in unse­rer Hand (und in der Küche 😉 ).

 

Das Fazit der Autorin:

Meal Prep für zwi­schen­durch ist gar nicht schlecht. Eine gan­ze Woche lang wür­de ich es aller­dings nicht mehr machen.

Klu­ge Frau :-). Am Sonn­tag kann man außer­dem so vie­le ande­re spann­de Din­ge tun, end­lich.

 

 

Die 10 besten Ernährungstipps der Blue Zones (2)

Das Team der Blue Zones For­scher um Dan Buett­ner hat als Fazit ihrer Arbeit (sie­he vori­ges Post) für eine lebens­ver­län­gern­de Ernäh­rung die­se 10 Regeln defi­niert, die man sehr leicht auf unse­re regio­na­len Gege­ben­hei­ten anpas­sen kann.

1. Ernäh­re dich mit pflan­zen­ba­sier­ter Kost
90–95% des täg­li­chen Ernäh­rungs­pla­nes soll­ten aus Gemü­se, Obst, Getrei­de (ca. 120 g gekoch­tes Getrei­de pro Tag ist emp­feh­lens­wert), Hül­sen­früch­ten, grü­nen Blatt­ge­mü­se und Kräu­tern bestehen. Hoch­wer­ti­ge Öle (z.B. Oli­ven­öl), vie­le hei­mi­sche Kräu­ter und Gewür­ze die­nen nicht nur zum Aro­ma­ti­sie­ren der Gemü­se, son­dern besit­zen auch Heil­kräf­te.

2. Redu­zie­re Fleisch
Ver­wen­de Fleisch (wenn über­haupt) eher als Mahl­zeit zu spe­zi­el­len Gele­gen­hei­ten und Fes­ti­vi­tä­ten. Die Por­tio­nen soll­ten klein und auf 4 bis 5 mal pro Monat redu­ziert sein. Ver­mei­de ver­ar­bei­te­tes Fleisch wie Würst­chen, Bacon, Hot Dogs, Bur­gers etc.. Ver­mei­de jeg­li­ches Fleisch aus nicht art­ge­rech­ter Tier­hal­tung.

3. Eine klei­ne Men­ge Fisch ist okay
Fisch aus hei­mi­schen Süß­ge­wäs­sern sowie wild­ge­fan­ge­ner Lachs, Sar­di­nen, Snap­per sind eine gute Wahl für 2–3 Mahl­zei­ten pro Woche, die Por­ti­on soll­te auf ca. 85 Gramm begrenzt sein. Da die Ozea­ne inzwi­schen sehr ver­schmutzt sind und somit die meis­ten Mee­res­fi­sche mehr oder weni­ger kon­ta­mi­niert sind, bevor­zugt man bes­ser die hei­mi­schen Süß­was­ser­fi­sche aus Wild­fang.

4. Redu­zie­re Milch­pro­duk­te auf ein Mini­mum
oder ver­zich­te ganz dar­auf. Wenn Dir Käse sehr wich­tig ist, nimm sehr klei­ne Men­gen Zie­gen- oder Schafs­kä­se, z.B. Zie­gen-Feta oder Peco­ri­no / Man­che­go vom Schaf. (Anmer­kung: die Emp­feh­lung für Schaf­milch­pro­duk­te deckt sich nicht mit der ayur­ve­di­schen Sicht­wei­se, bei der Schaf­pro­duk­te ver­mie­den wer­den). Bei Kuh­milch­pro­duk­ten ver­wen­de haupt­säch­lich Roh­milch aus Bio-Land­wirt­schaft. Falls man Eier mag, soll­ten es nicht mehr als 3 pro Woche sein.

5. Eine Por­ti­on Hül­sen­früch­te am Tag
Iss eine Por­ti­on Lin­sen oder Boh­nen, sowie Tofu (natur), in einer der 3 täg­li­chen Mahl­zei­ten. Sie ent­hal­ten qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ges Pro­te­in und Bal­last­stof­fe. Hül­sen­früch­te spie­len in allen Kul­tu­ren eine gro­ße Rol­le, in Asi­en sind es oft Mung­boh­nen, im nahen Osten z.B. gel­be Lin­sen und Kicher­erb­sen, die Ita­lie­ner lie­ben die Can­nel­li­ni Boh­nen, die Mexi­ka­ner rote Boh­nen. Berg­lin­sen, Tel­ler­lin­sen und ähn­li­ches haben z.B. in Frank­reich oder Deutsch­land Tra­di­ti­on.

6. Redu­zie­re Zucker dras­tisch
Die Tages­ra­ti­on soll­te 28 Gramm (7 Tee­löf­fel) nicht über­stei­gen, das deckt sich mit den Emp­feh­lun­gen der WHO. Wir lie­gen ger­ne mal bei 100+ Gramm pro Tag. Reser­vie­re Kuchen, Kek­se und ande­re Süßig­kei­ten für spe­zi­el­le Gele­gen­hei­ten. Lies Eti­ket­ten und ver­mei­de Lebens­mit­tel, die mehr als 8 g Zucker (pro 100 g) ent­hal­ten. Ver­wen­de Honig oder z.B. Reis- bzw. Ahorn­si­rup.

7. Sna­cke mit Nüs­sen
Iss täg­lich eine Hand­voll Nüs­se und Samen: z.B. Man­deln, Pis­ta­zi­en, Wal­nüs­se, Hasel­nüs­se, Pecan­nüs­se, Son­nen­blu­men­sa­men, Kür­bis­ker­ne, Sesam­ker­ne. Nimm ver­schie­den Sor­ten, um für Abwechs­lung zu sor­gen. Ver­mei­de Nüs­se mit Zucker­guss oder gesal­zen. Nüs­se und man­che Samen (Hanf, Lein­sa­men) wer­den schnell ran­zig, ach­te des­halb auf fri­sche Ware.

8. Sauer­teig­brot
Iss aus­schliess­lich Voll­korn­brot oder tra­di­tio­nel­le Sauer­teig­bro­te, die mit leben­di­gen Kul­tu­ren her­ge­stellt sind. Limi­tie­re dei­nen Brot­ver­brauch auf 2 Schei­ben am Tag. Ver­mei­de Weiß­bro­te, Wraps oder Süß­spei­sen aus Weiß­mehl. Gute Bäcke­rei­en, die ver­mehrt in den Groß­städ­ten ihre Bro­te ver­kau­fen, ach­ten auf lan­ge Teig­füh­run­gen, wie es frü­her Tra­di­ti­on hat­te. Bei die­sem Ver­fah­ren wer­den die Bro­te viel leich­ter ver­dau­lich, weil die Mikro­ben das Glu­ten schon mal vor­ver­dau­en. Es lohnt sich, beim Bio­bä­cker sei­nes Ver­trau­ens nach­zu­fra­gen, wel­che Bro­te die längs­te Teig­füh­rung haben.

9. Voll­wert­kost
Ver­su­che, die meis­ten Nah­rungs­mit­tel so voll­wer­tig und natur­be­las­sen wie mög­lich zu ver­wen­den. Je weni­ger Ver­ar­bei­tungs­schrit­te das Lebens­mit­tel erfährt umso bes­ser. Ver­ar­bei­te­te Lebens­mit­tel soll­ten weni­ger als 5 Zuta­ten ent­hal­ten. Ver­mei­de jede Form von indus­tri­ell gefer­tig­tem Essen.

10. Trink haupt­säch­lich Was­ser
Trin­ke 5–8 Glas Was­ser am Tag. Trin­ke unge­süß­ten Tee (Kräu­ter- oder Gewürz­tees mit hohen Antei­len an Anti­oxi­da­ti­en) und gele­gent­lich Kaf­fee. Genies­se ein Glas Wein am Nach­mit­tag in Gesell­schaft von Freu­den oder zu einer Blu­e­Zo­ne-inspi­rier­ten Mahl­zeit. Ver­mei­de ALLE zucker­hal­ti­gen (Soft)Drinks und Diät-Soft­drinks.

 

Was die Men­schen in den unter­schied­li­chen Regio­nen zu sich neh­men, ist manch­mal so unter­schied­lich wie ein E-Bike und ein Tuk-Tuk. Es gibt kei­ne ein­heit­li­che Nah­rung, die für alle gesund ist. Bei uns in Mit­tel­eu­ro­pa wür­den so viel Tofu und Süß­kar­tof­feln, wie die alt wer­den­den Japa­ner auf Oki­na­wa das ver­zeh­ren, nicht funk­tio­nie­ren. Auch vegetarische/vegane Ernäh­rung wie in Loma Lin­da ist nicht für alle Regio­nen der Welt stim­mig.
Was genau man zu sich nimmt, spielt oft nicht DIE gro­ße Rol­le, die man ein­zel­nen Lebens­mit­teln manch­mal zuschreibt, obwohl es natür­lich Aus­nah­men und ech­te Super­foods gibt. Eher geht es um das grö­ße­re Bild, die Grund­prin­zi­pi­en, inner­halb derer man viel Raum hat, sei­ne Nah­rung zusam­men­zu­stel­len. Ist es ent­schei­dend, ob roter Reis bes­ser ist als wei­ßer oder schwar­zer, ob man Kar­tof­feln lie­ber warm oder kalt isst, ob man Kur­ku­ma in jedes Essen und jedes Getränk streut? Meis­tens nicht.

Am bes­ten, man isst hoch­wer­ti­ge Lebens­mit­tel, frisch gekocht, zur rich­ti­gen Tages­zeit und in der pas­sen­den Men­ge. Das gan­ze im ent­spann­ten Rah­men, mit Zeit und Genuß.

100 Jahre und kein bisschen krank — Leben in den Blue Zones (1)

Ich möch­te ger­ne 100 Jah­re alt wer­den. Wenns sein muss mit tie­fen Fal­ten, Haupt­sa­che alters­ent­spre­chend gesund, vital und glas­klar im Kopf. Vor­bil­der hät­te ich da auch, z.B. die Queen (91). Mit wel­cher Ele­ganz sie die­ses Jahr in ihrem euro­pablau­en Kos­tüm mit den gel­ben Ster­nen am Hut die Par­la­ments­er­öff­nung absol­vier­te, das hat­te gro­ße Klas­se. Aber auch Queen Mom war schliess­lich eine coo­le Lady. Kürz­lich habe ich in einem lus­ti­gen Buch der Zeit-Kolum­nis­tin Susan­ne May­er „Die Kunst, stil­voll älter zu wer­den” über „das Grand-Old-Schach­tel-Fee­ling” gelacht. So stel­le ich mir das Altern vor :-).

Wenn man bei Dr. Goog­le nach­fragt, wie man gesund alt wird, kommt man in rela­tiv kur­zer Zeit zu den Blue Zones, ein anthro­po­lo­gi­sches Kon­zept, das Lebens­stil, Ernäh­rung und Umwelt von Bevöl­ke­rungs­grup­pen beschreibt, die sta­tis­tisch ein über­durch­schnitt­lich hohes Alter errei­chen, vie­le wer­den auch über 100 Jah­re alt. Sie blei­ben dabei rela­tiv gesund, chro­ni­sche Krank­hei­ten wie Krebs, Dia­be­tes, Herz­er­kran­kun­gen und Demenz kennt man in die­sen Regio­nen kaum.

Vor über 10 Jah­ren erforsch­te der ame­ri­ka­ni­sche Autor Dan Buett­ner mit einem Exper­ten­team von Anthro­po­lo­gen, His­to­ri­kern, Ernäh­rungs­me­di­zi­ne­ren und Gene­ti­kern die­ses Phä­no­men und ver­öf­fent­lich­te 2005 für Natio­nal Geo­gra­phic eine Repor­ta­ge mit dem Titel „The Secrets of a Long Life”.
Die der­zeit erforsch­ten Zonen befin­den sich in Oki­na­wa (Japan), Ika­ria (Grie­chen­land), Sar­di­ni­en (Ita­li­en), Loma Lin­da (Kali­for­ni­en) und der Nicoya Halb­in­sel (Cos­ta Rica). Wenn man die­se Auf­lis­tung liest, stellt sich schon die Fra­ge, wie die­se Men­schen völ­lig unab­hän­gig von geo­gra­fi­scher Lage (man­che leben in Städ­ten, man­che im Berg­land, ande­re am Meer) oder Kli­ma­zo­ne das glei­che ange­neh­me Schick­sal tei­len. Auch bei der Ernäh­rungs­wei­se scheint es auf den ers­ten Blick wenig iden­ti­sches zu geben, doch bei genaue­rem For­schen fin­den sich Gemein­sam­kei­ten, die ein inter­es­san­tes Bild zeich­nen. Ein Ver­gleich der 3 Blue Zones Loma Lin­da, Sar­di­ni­en und Oki­na­wa ergab z.B. die­ses Dia­gramm.

 

blue zones gemeinsamkeiten

 

Nun haben die ayur­ve­di­schen Wei­sen vor ein paar tau­send Jah­ren ja eben­falls die­ses Ziel defi­niert, 100 Jah­re alt zu wer­den ohne einen Arzt zu brau­chen. Dazu wur­den aus­führ­li­che Emp­feh­lun­gen zu Lebens­wei­se und Ernäh­rung gege­ben und ver­gleicht man die­se mit den Erfah­run­gen der Blue Zone-For­scher, ist das nahe­zu deckungs­gleich. Sur­pri­se, sur­pri­se, die Blue Zone Men­schen sind wasch­ech­te Ayur­ve­dis :-).

Dan Buett­ner hat mit sei­nem Team den gemein­sa­men Nen­ner in Lebens- und Ernäh­rungs­wei­se destil­liert und ver­sucht, Mög­lich­kei­ten zu ent­wi­ckeln, dass auch wir so lan­ge und gesund leben kön­nen wie Bewoh­ner der Blau­en Zonen. Denn in der Ver­wir­rung um Detox und Diä­ten, der Fra­ge, ob nun Bio­fleisch oder Tofu essen bes­ser ist, wel­che Nah­rungs­er­gän­zungs­mit­tel gera­de der neu­es­te Hype sind, scheint Hil­fe­stel­lung nötig zu sein.
Auf sei­ner Web­site gibt er Hin­wei­se zu 9 lebens­ver­län­gern­de Prin­zi­pi­en und kom­bi­niert dazu 10 Ernäh­rungs­re­geln, die uns zwar nicht garan­tie­ren, dass wir 100 Jah­re alt wer­den, aber zumin­dest die Chan­ce dar­auf deut­lich stei­gen las­sen, wenn man die pas­sen­den Gene und das för­der­li­che Lebens­um­feld hat. Eine Behand­lung, mit der man das Altern ver­lang­sa­men, stop­pen oder umkeh­ren kann, gibt es jedoch nicht und das ist ver­mut­lich auch gut so.
Die Prin­zi­pi­en und Regeln kann man auf sei­nen eige­nen Kul­tur­kreis und die Nah­rungs­mit­tel sei­ner Regi­on adap­tie­ren. Die Ernäh­rung gilt dabei als Schlüs­sel für den Erfolg.

 

Die Gemeinsamkeiten der Bewohner von Blue Zones in der Lebensweise:

  • Viel natür­li­che Bewe­gung. Kür­ze­re Wege zur Arbeit oder zum Ein­kau­fen wer­den zu Fuß absol­viert und wo die Men­schen in hüge­li­gem Gelän­de leben (z.B. in Ika­ria oder Sar­di­ni­en), ist der natür­li­che Work-Out eh garan­tiert. Auf einem Spin­nin­grad oder Lauf­band sieht man da auf jeden Fall nie­man­den. Hier trai­niert auch nie­mand für einen Mara­thon oder ande­ren Leis­tungs­sport, dafür wird der Gar­ten das gan­ze Jahr über bear­bei­tet und der Brot­teig von Hand gekne­tet. Die Men­schen sind gene­rell viel in der Natur und in der Son­ne.
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  • Ein effek­ti­ves Stress-Manage­ment. Man macht Pau­sen, um den Stress auf ein Min­umum zu redu­zie­ren, z.B. ein Mit­tags­schläf­chen, einen gan­zen Tag oder nimmt sich grö­ße­re Aus­zei­ten. Zeit­druck ist unbe­kannt, die Din­ge dür­fen sich ent­wi­ckeln, vie­le Men­schen tra­gen nicht mal Uhren. Man lebt qua­si in einem slow flow. Hier rennt kei­ner durch die Gegend, schon gar­nicht mit einem Papp­be­cher-Mac­chia­to in der einen und einem Sand­wich in der ande­ren Hand. Man gönnt sich eher ein Gläs­chen Wein mit Freun­den am Nach­mit­tag (Hap­py Hour). Zu den Trend­the­men Slow down und Mini­ma­lis­mus könn­ten Blue Zone Bewoh­ner ver­mut­lich die kom­pe­ten­tes­ten Rat­ge­ber schrei­ben…
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  • Die Men­schen sehen einen Sinn in ihrem Leben, sie fol­gen ihrer Bestim­mung oder haben einen Lebens­plan. Sie wis­sen, wofür sie auf­ste­hen am Mor­gen und suchen sich eine erfül­len­de Arbeit. Oder eine erfül­len­de Neben­tä­tig­keit bzw. Hob­by. Auch im Alter neh­men Sie ger­ne neue Her­aus­fo­de­run­gen an. Auf Oki­na­wa gibt es nicht mal ein Wort für Ruhe­stand.
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  • Die fami­liä­ren Ver­bin­dun­gen sind eng. Über Ritua­le in Fami­li­en und bei Fes­ten wird die tra­di­tio­nel­le Lebens­wei­se erhal­ten. Meh­re­re Genera­tio­nen leben oft im nähe­ren Umfeld, in man­chen Blue Zones ist es nor­mal, dass Enkel und Groß­el­tern sich täg­lich sehen. Man inves­tiert viel Zeit und Lie­be in sei­ne Kin­der, Unter­stüt­zung und Zuge­hö­rig­keit sind die Basis des Fami­li­en­le­bens.
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  • Die sozia­len Netz­wer­ke sind sehr nach­hal­tig geknüpft. Freund­schaf­ten dau­ern oft ein Leben lang und wer­den z.B. auf Oki­na­wa über sog. Moais ermög­licht. Das sind Gemein­schaf­ten von 5 Freun­den, die sich ein Leben lang beglei­ten. Es wird getratscht, argu­men­tiert, Sake getrun­ken, aber in schwie­ri­gen Zei­ten steht jeder für den ande­ren ein.
    Man­che Com­mu­nities fol­gen einem gemein­sa­men spi­ri­tu­el­len Weg wie z.B. die Aven­tis­ten-Gemein­de in Loma Lin­da und erle­ben damit ein stär­ken­des Zuge­hö­rig­keits­ge­fühl.
    Die­se sozia­len Netz­wer­ke wir­ken unter­stüt­zend, aus­glei­chend und lebens­ver­län­gernd. Älte­re Men­schen erfül­len dar­in eine gleich­wer­ti­ge Funk­ti­on wie alle ande­ren Genera­tio­nen, sie wer­den gebraucht. Nach­barn besu­chen sich regel­mä­ßig und lachen viel gemein­sam. Der Kon­takt mit Men­schen mit ähn­li­chen Wer­ten und Lebens­wei­sen wirkt anste­ckend und posi­tiv auf Vita­li­tät und Gesund­heit.

 

Die Gemeinsamkeiten in der Ernährungsweise:

  • Eine aus­ge­wo­ge­ne und nicht über­mä­ßi­ge Ernäh­rung. Man isst sich nicht voll bzw. folgt der japa­ni­schen Regel „Hara Hachi Bu”: wenn der Magen zu 80% voll ist, hört man auf zu essen. Ein Trick, um die Kalo­ri­en­auf­nah­me zu redu­zie­ren, sind klei­ne­re Tel­ler und Schüs­seln.
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  • Die Nah­rung basiert über­wie­gend auf pflanz­li­cher Kost (90–95%), die Adven­tis­ten-Gemein­de in Loma Lin­da pro­pa­giert eine vegetarische/vegane Ernäh­rungs­wei­se. Es wird sehr wenig Fleisch geges­sen, eher etwas mehr Fisch, beson­ders Süß­was­ser­fisch, auch Algen (Oki­na­wa). Die Nah­rung ent­hält nur sehr wenig Zucker.
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  • Die Mahl­zei­ten sind frisch gekocht, die Lebens­mit­tel kom­men zum grö­ße­ren Teil aus der Regi­on und Sai­son, man isst eine gesun­de tra­di­tio­nel­le Küche. In Oki­na­wa ist das z.B. viel Tofu, Algen und Süß­kar­tof­feln, in Ika­ria eher eine medi­ter­ra­ne Diät mit Oli­ven­öl, viel Gemü­se, Käse, Boh­nen, Fisch.
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  • Die Haupt­mahl­zeit wird immer mit­tags ver­zehrt, Früh­stück und Abend­essen sind eher klein.
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  • Hül­sen­früch­te ste­hen bei allen Bewoh­nern der Blue Zones täg­lich auf dem Spei­se­plan. Auf Oki­na­wa ist es z.B. der Tofu, auf Sar­di­ni­en fällt die Wahl auf Fava Boh­nen.
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  • Soft­drinks und zucker­hal­ti­ge Geträn­ke sind unbe­kannt.

 

Die 10 bes­ten Tipps für eine gesun­de Blue Zones Ernäh­rung fin­det man im nächs­ten Post

 

Fazit

Es sind ein­fa­che Metho­den, mit der die Men­schen in den Blue Zones auch im Alter glück­lich und vital blei­ben. Die Prin­zi­pi­en und Emp­feh­lun­gen bie­ten wenig neue Erkennt­nis­se. Gesun­de Ernäh­rung, viel Bewe­gung, wenig Stress, gute Freun­de, eine spi­ri­tu­el­le Zuge­hö­rig­keit ken­nen wir als Bau­stei­ne für ein glück­li­ches Leben schon lan­ge. Offen­sicht­lich leben wir die­ses Wis­sen nicht immer aus­rei­chend, sonst hät­te Dan Buett­ner wohl mehr als 5 Blue Zones ent­deckt. Sei­ne Ver­öf­fent­li­chun­gen zei­gen uns, was mög­lich wäre und wie wir unse­re Lebens­er­war­tung erhö­hen kön­nen, wenn wir uns im Tem­po und Rhyth­mus der Natur bewe­gen, die Ernäh­rung ver­än­dern, das Leben ver­ein­fa­chen und ent­schleu­ni­gen und die Men­schen um uns her­um ach­ten und unter­stüt­zen. Glück ist ein hohes Gut und erreich­bar, das beweist Dan Buett­ner durch sei­ne wert­vol­len Publi­ka­tio­nen.

 

Lesens­wert: Here Are the Secrets to a Long and Healt­hy Life (Natio­nal Geo­gra­phic)

 

Bild­quel­le Titel: pixabay.com

 

Wenn „health food” ungesund wird…

Eine kulinarische Entdeckungsreise

Mei­ne Win­ter­rei­se stand unter dem Mot­to, ver­schie­de­ne Küchen in Retreat­zen­tren in Indi­en und Bali ken­nen­zu­ler­nen für neue Rezept-Ide­en und Inspi­ra­tio­nen. Die Erwar­tun­gen waren etwas im obe­ren Bereich ange­sie­delt, wur­de mir der Mund oft genug wäss­rig gemacht über das tol­le Essen auf Bali, die Health Food Sze­ne, die bali­ne­si­sche Küche usw…

Was soll ich sagen? Es gab viel Licht und viel Schat­ten. Zum einen ist die bali­ne­si­che Küche sehr ange­passt an den Geschmack der Tou­ris­ten. Ech­te und ursprüng­li­che Bali­ge­rich­te habe ich nur an weni­gen Plät­zen erlebt, es war jedes Mal so gut, dass ich mir irgend­wann einen Koch­kurs gegönnt habe um, die Geheim­nis­se des bali­ne­si­schen Wür­zens her­aus­zu­fin­den. Und jetzt nicht so genau weiß, mit was ich die Shrimpspas­te im Rezept zuhau­se erset­zen kann ;-).

Die Aus­wahl an vege­ta­ri­schen Gerich­ten ist nicht beson­ders groß und dreht sich um die immer­glei­chen zwei Reis­grich­te (Nasi­go­reng, Nasi­cam­pur) mit Gemü­se, Tofu und Tem­peh, ein Nudel­ge­richt (Mie­go­reng), ein vege­ta­ri­sches Cur­ry und ein lau­war­mer Gemü­se­sa­lat mit Tofu/Tempeh sowie einer Erd­nuss­sauce (Gado-Gado). In der ers­ten Woche war ich deut­lich im Soja- und Erd­nuss-Über­schuß, bei­de Lebens­mit­tel sind ayur­ve­disch gese­hen nicht der Hit, da sie zu stark erhit­zen, schwer ver­dau­lich sind und es in Bali sowie­so kein gen­frei­es Soja gibt. Wenn man also bei­des weg­las­sen will, wird es etwas eng mit der Aus­wahl. Noch enger wird es, wenn man auf Glut­amat und Zucker ver­zich­ten möch­te, denn das ist in sehr vie­len Würz­saucen der indo­ne­si­schen Küche ent­hal­ten. Ich fürch­te, ich hab etwas mehr MSG abge­kriegt als mir lieb ist. Heim­weh nach der indi­schen Küche kam bald…

Das mögen ver­mut­lich die Grün­de sein, war­um sich in Bali eine Sze­ne eta­bliert hat, die gesun­de Ernäh­rung für die über­wie­gend jun­ge Ziel­grup­pe der Yogis und Sur­fer anbie­tet. Ähn­li­che Restau­rants und Cafes fin­det man übri­gens auch in Ibi­za, Ber­lin, Mün­chen, Not­ting­hill, San Fran­cis­co, Syd­ney und anders­wo auf der Welt (mit den­sel­ben Men­schen in der­sel­ben Klei­dung kommt einem vor 😉 ).

Alles gut also? Nein, lei­der nicht. Denn hier wird alles zusam­men­ge­wür­felt und ver­mar­ket, was irgend­wie ange­sagt ist. Vegan, raw, akti­viert, green, clean, detox und was nicht alles.

permakultur bali moksaDie gute Sei­te: Sel­ten habe ich so vie­le Per­ma­cul­tu­re Gemü­se- und Obst­gär­ten gese­hen wie in Bali. Gar­den-to-table ist die Phi­lo­so­phie hin­ter dem bes­ten Essen, das ich hier genies­sen durf­te, dabei waren 2 Plät­ze abso­lu­te Spit­zen­klas­se: das Mok­sa in Ubud und das Bali Silent Retre­at im Berg­land der Insel.  Dane­ben gibt es Restau­rants, die sich auf EIN The­ma kon­zen­trie­ren, z.B. raw oder vegan, da gibt es ein Kon­zept und alles ist sehr pro­fes­sio­nell, schmeckt meis­tens super und ist sinn­voll kom­bi­niert. Gro­ßes Food­ki­no. Es sind die Aus­nah­men.

In ande­ren „Cafes” gibt es dann eher mal die­se Spei­sen­fol­ge: man beginnt mit einen sog. Detox Smoot­hie, was eine zucker­sü­ße Vor­spei­se aber kein Getränk ist, wie man­che ver­mu­ten. Über die fik­tio­na­len Gesund­heits­ver­spre­chen auf den Menü­kar­ten, was ein Smoot­hie so alles kann, schwei­ge ich lie­ber :-)).  Wei­ter geht es mit frit­tier­ten Käse­bäll­chen oder Mais­laib­chen (corn frit­ters), frit­tier­tes ist auf allen Kar­ten in gro­ßer Aus­wahl zu fin­den. Die Haupt­spei­se könn­te ein Sauer­teig­brot mit Bacon, Avo­ca­do und Salat, oder ein vega­ner Bur­ger (Weiß­brot mit ein biss­chen extra Glu­ten durch den Seit­an-Flei­scher­satz) mit Pom­mes sein. Dar­auf gibt man sich zum ent­gif­ten einen Koh­le- oder Wei­zen­grass-Shot, den braucht man dann auch. Das gan­ze wird abge­run­det mit einem raw-vega­nen Cas­hew­chees­e­ca­ke oder Cho­co­la­te Super­food Dream mit Unmen­gen von Aga­ven­si­rup. Hal­le­lu­ja…

Vie­le die­ser ein­zel­nen Spei­sen mögen Sinn machen und wer­den mit gro­ßer Sorg­falt zube­rei­tet, doch die unbe­dach­te Kom­bi­na­ti­on oder das Über­ge­wicht einer Lebens­mit­tel­grup­pe (z.B. Nüs­sen) in einer Mahl­zeit dreht die gan­ze Idee von gesun­dem Essen ins Gegen­teil. Denn man muss sich nicht der Illu­si­on hin­ge­ben, dass der Bacon auf einem glu­ten­frei­en Brot gesün­der wird oder mit einem Gewürz-Getränk neu­tra­li­siert wer­den könn­te. Genau­so wenig wie das Ei von einem gar­nicht glück­li­chen Huhn (die Hüh­ner­far­men sind min­des­tens so grau­sig wie bei uns und Frei­land ist nicht), gemischt mit GMO-Tofu (eh eine selt­sa­me Kom­bi) etwas ist, was unse­re Zel­len und unse­ren Geist frisch hält. Und die eis­ge­kühl­te Smoot­hie-Bowl liegt beim mor­gen­mü­den Ver­dau­ungs­feu­er sehr schwer im Magen.

Neben­ef­fekt die­ser Ernäh­rung ist übri­gens, dass sehr viel ein­ge­flo­gen wer­den muss, denn die reich­hal­ti­ge tro­pi­sche Natur lie­fert der bali­ne­si­schen Küche zwar eine gro­ße Viel­falt an Gemü­sen, Obst und grü­nem Super­food, aber eben kein Maca- oder Acai­pul­ver, kei­ne Man­deln, kein Chia, kein Oli­ven­öl, kei­nen Zie­gen­kä­se und auch kein Obst und Gemü­se außer­halb der Sai­son. Das braucht es aber schein­bar, denn die Spei­sen sind iden­tisch mit denen in ange­sag­ten Cafes/Restaurants auf der gan­zen Welt. Trotz­dem füh­len sich hier alle sehr eco fri­end­ly, hmmm.

Essen ist urspüng­lich ein Mit­tel zur Näh­rung von Kör­per und Geist, man ver­ggisst es fast, wenn man sich in der Sze­ne auf­hält. Doch hier wie auch bei uns ist es ein biss­chen zum hedo­nist­schen Ver­gnü­gen ver­kom­men. Wich­tig ist, dass es super bunt ist (zum foto­gra­fie­ren für FB), dass es mega „gor­ge­ous”, also super lecker schmeckt (was die Köche mit einem Über­maß an Gewür­zen, Salz und Zucker hin­krie­gen, denn dem Gast soll es schme­cken bis zur Ohn­macht wegen des tri­pad­vi­sor ratings), und in hip­pem Ambi­en­te zele­briert wird (in die Küchen und den Umgang mit Küchen­per­so­nal sieht man ja nicht).

Man kann nie­man­dem einen Vor­wurf machen, weil das Wis­sen um die Zusam­men­hän­ge des Essens, der Ver­dau­ung und der dar­aus resul­tie­ren­den Lebens­en­er­gie mehr und mehr ver­lo­ren geht. Doch es ist sehr ein­deu­tig, dass hier trotz bes­ter Absich­ten etwas gewal­tig falsch läuft.

Und dann gäbe es da noch ein paar Fra­gen, die man sich stel­len MUSS, wenn man in health food die Zukunft sieht, z.B.

  • was bewirkt mei­ne Ernäh­rung für die Men­schen, die invol­viert sind (Bau­ern, Händ­ler, Köche), Stich­wort fair tra­de, Regio­na­li­tät?
  • was bedeu­tet mei­ne Ernäh­rung für ande­re Lebe­we­sen (Milch von gequäl­ten Kühen, Eier von Käfig­hüh­nern) und wie kann man wür­de­vol­le Tier­hal­tung för­dern (Bei­spiel Deme­ter)?
  • was bedeu­tet es für den Pla­ne­ten, wenn wir Nah­rungs­mit­tel mit Gif­ten besprü­hen, über den Glo­bus schi­cken oder für unser Con­ve­ni­ent Food gan­ze Eco­sys­te­me zer­stö­ren (Soja, Palm­öl)?
  • was macht die­se Ernäh­rung mit mei­ner See­le, wenn ich die Kon­se­quen­zen kom­plett aus­blen­de?

Gesun­de Ernäh­rung ist mit die­sen Fra­gen so eng ver­strickt, dass die Beschäf­ti­gung damit einen gro­ßen Bei­trag zur Inte­gri­tät des The­mas leis­ten kann, was vie­len Restau­rants (noch) nicht gelingt.

Wie man sich in die­sem wider­sprüch­li­chen Dschun­gel zurecht fin­det und das für einen sel­ber stim­mi­ge Essen zusam­men­stellt, dar­über rede ich oft und ger­ne und packe eini­ge lecke­re Rezep­te dazu :-). Die Kon­trol­le über sei­ne gesun­de Ernäh­rung hält man zum Glück in den eige­nen Hän­den, bzw. mani­fes­tiert sie in der eige­nen Küche.

 

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