Ayurvedische Sicht auf Epidemien

Die Wissenschaften der letzten Jahrzehnte bestätigen immer wieder alte, traditionelle Heillehren. Ein Paradies für uns Ayurvedis oder die Vertreter der Traditionellen Chinesischen Medizin. Die Erforschung des Mikrobioms und die Chronobiologie (Medizin-Nobelpreis 2017) sind beste Beispiele.
Nun gibt es in den über 2000 Jahe alten Texten der Ayurvedis – man hören und staune – ein Kapitel über Epidemien (1). Wie sie entstehen, sich manifestieren und was man dagegen tun kann. Man kannte damals Krankheiten, die eine ganze Region oder ein ganzes Land betreffen und zerstören können (heute Epidemien). Das Kapitel schildert einen Dialog zwischen dem Meister Atreya und seinem Schüler Agnivesa. Über die Aktualität der Aussagen war ich bei jedem Satz ein ums andere Mal verblüfft.

 

Die Charakteristik von Epidemien

Agnivesa fragt: Wie kommt es, dass Menschen mit unterschiedlicher Vitalität, Lebensweise, Ernährung, geistiger Fähigkeiten und Alter gleichzeitig von derselben epidemischen Krankheit betroffen werden können?“

Atreya antwortet: „Agnivesha! Obwohl die physische Konstitution des Menschen unterschiedlich sein kann, gibt es externe Faktoren, die allen Individuen gemeinsam sind: Luft, Wasser, Erde/Boden und Jahreszeiten (sanskrit: Vayu, Jala, Desha und Kala). Eine abnormale Veränderung bzw. Verschmutzung dieser Naturelemente führt zu ökologischen Ungleichgewichten und daraus resultierenden zerstörerischen Krankheiten“.

Atreya beschreibt im weiteren Verlauf, wie sich die unheilvollen Veränderungen zeigen:

  • Die Luftverschmutzung wird bestimmt von einer Häufung von Windstille oder übermäßigen Stürmen, Wirbelstürmen und Zyklonen. Hitzeperioden und Kälteeinbrüche sind ein weiterer Faktor, ebenso das Vorhandensein von ungesundem Geruch, Gasen, Sand, Asche und Rauch.
  • Eine Wasserverschmutzung erkennt man an abnormalem Geruch, Farbe und Geschmack, einer bestimmten Klebrigkeit und daran, dass es keine Wasservögel sowie kaum Fische gibt und andere Tiere das Wasser nicht trinken würden.
  • Die Verschmutzung des Bodens definiert er mit abnormaler Farbe, Geruch und Geschmack, ungewöhnlicher Klebrigkeit, einer übermäßigen Anzahl u.a. von Schlangen, Mücken, Fliegen, Ratten, Geiern und Schakalen sowie Unkraut und Kriechpflanzen. Ausgelaugte und ausgetrocknete Böden sind weitere Merkmale. Die Ernten bleiben aus bzw. werden von Schädlingen vernichtet. Unwetter, Überschwemmungen, Erdbeben und Naturkatastrophen treten gehäuft auf. Ebenso wird die Rauchentwicklung am Boden erwähnt.
  • Ungünstige Änderungen in den Jahreszeiten zeigen sich, wenn ihr Verlauf zu früh oder spät einsetzt oder es für die Jahreszeit zu kalt oder zu heiß ist. Veränderung der Planeten und der Sonne, die sich kupferrot oder sehr weiß färbt, dauerhaft trübe, wie von Wolken verhangen ist, werden ebenfalls beschrieben.

 

Die Ursache von Epidemien

Dann fragt Agnivesa Atreya: „Meister! Was ist die Hauptursache für das Ungleichgewicht und die Verschmutzung, die ein Faktor für zerstörerische Epidemien sind?“

Atreyas Antwort: „Die Hauptursache für eine Epidemie ist Ungerechtigkeit. Wenn z,B. die Herrscher von Staaten, Städten und Gemeinschaften nicht mehr dem rechtschaffenen Weg folgen und ihre Untergebenen ungerecht behandeln, tragen diese einfachen Menschen aus Dörfern und Städten und die Kaufleute dieses unrede Verhalten weiter. Wenn Gerechtigkeit und Tugend verschwinden, hat die Ungerechtigkeit die Oberhand und die Götter verlassen diesen Ort. An diesen Plätzen verändern sich die Jahreszeiten, z.B. es regnet nicht zur richtigen Zeit, gar nicht oder es gibt abnormale Niederschläge, Der Wind weht nicht richtig, die Böden sind beeinträchtigt, die Wasserreservoirs trocknen aus. In diesem Prozess verlieren Kräuter ihre Wirksamkeit und sterben ab, Lebensmittel verlieren ihren Nährwert, die Trinkquellen sind beeinträchtigt. Daraus folgen Epidemien aufgrund verschmutzter Umwelt und Lebensmittel.

Ebenso ist Ungerechtigkeit eine Ursache für die Zerstörung von Gemeinschaft und sozialem Leben durch Krieg. Aufgrund von zunehmender Gier, Wut, Anhaftung und Ego, greifen sich Menschen in Tötungsabsicht gegenseitig an. Sie können den Feind angreifen oder von ihm angegriffen werden, weil sie als schwach angesehen werden.

 

Atreyas Antwort bezieht sich hier auf die Begriffe von Dharma und Adharma. Dharma wird mit Ethik, Recht, Gerechtigkeit, Tugend, Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit oder Religion übersetzt. Adharma ist das genaue Gegenteil, das in falsches Verhalten, falsche Lebensführung, falsches Vorbild, Beleidigung des eigenen Intellekts (sanskrit: prajnaparadha) und letztlich immer in die Krise führt. Ein unreines Herz oder ein Mangel an Tugend  stört die subtilen Rhythmen der Natur, von denen unser Leben abhängt.

Aus diesem Kontext lässt sich schließen, dass die Immunkraft aufgrund der beschriebenen materiellen und psychischen Faktoren abnimmt und der Körper anfällig wird für verschiedene Infektionen. Die Probleme der Menschen beeinträchtigen in Folge auch die Tier- und Pflanzenwelt und vermindern die Lebensenergie so stark, dass die Abwehrmechanismen nicht mehr ausreichen, um Epidemien zu verhindern.
Das einzige Mittel, um eine Pest zu bekämpfen, ist allgemeiner Anstand. Albert Camus, The Plague, 1947
 

Vorbeugung und Hilfreiche Maßnahmen bei Epidemien

Atreya erklärt Agnisesha: Deshalb, O! Agnivesha, sollt ihr medizinische Kräuter sammeln, bevor die Böden zerstört sind und ihre Fruchtbarkeit verlieren, was zu Beeinträchtigungen des Geschmacks, der Potenz, der transformatorischen Wirkung und der spezifischen Heileigenschaften führt. Wir werden mit diesen potenten Kräutern epidemische Krankheiten lindern, vorausgesetzt, die Kräuter werden rechtzeitig gesammelt, verarbeitet, konserviert und ordnungsgemäß verabreicht“.

Zusätzliche ayurvedische Heilmethoden sieht Atreya als Rezept für das, was er „das Management und den Schutz des Lebens in einer Zeit der Epidemie“ nannte. Auf der körperlichen Ebene ist das z.B. die Reinigungskur Panchakarma und die Behandlung mit stärkenden Elixieren (Rasayanas) aus den rechtzeitig gesammelten Heilpflanzen. Ebenso ein Lebem in Ruhe, Harmonie und im Rhythmus der Natur (Tages- und Jahreszeiten), der Aufenthalt an friedlichen Orten und das Wohnen in einem gesunden Zuhause.

Auf der mentalen Ebene wird ein tugendhaftes Leben empfohlen. Die Wirkung von Wahrhaftigkeit, Mitgefühl für Lebewesen, Respekt vor der Natur, Wohltätigkeit, religiöse Praxis oder Mantrasingen werden als sehr effektiv angesehen. Ebenso die Gemeinschaft und der Austausch mit Älteren, Gebildeten und Weisen, die sich durch Selbstbeherrschung, Glauben und einen reinen Geist auszeichnen.

 

Conclusio

Dieser Text ist ein Spiegel für die Themen unserer Zeit. Wir finden Hinweise zu Klimaveränderung, der Auswirkung von Luftverschmutzung durch Industrie, Brandrodung und Waldbrände (die rote Sonne im rauchverhangenen Himmel), Dürren, Überschwemmungen, der Minderung der Nahrungsmittel- und Wasserqualität, usw.. Zahlreiche Wissenschaftler haben in den letzten Monaten immer wieder auf die Verknüpfung von Klima und Epidemien hingewiesen. Der österreichische Gesundheitsökologe Clemens Arvay hat ein lesenswertes Buch „Wir können es besser“ dazu veröffentlicht. Lösen wir das Klimaproblem, werden wir alle gesünder leben, das ist auch meine persönliche Überzeugung.

Ebenso finden wir im Text Hinweise zu Folgen von korrupten Eliten und Machthabern (der Fisch stinkt vom Kopf), der Schere zwischen arm und reich, dem Verlust von sozialer Gerechtigkeit, der Spaltung der Gesellschaft, usw.. Verbleiben wir in diesem Adharma-Zustand, werden wir in einer permanenten Krise leben mit all den bekannten gesundheitlichen, mentalen und sozialen Folgen und ab und an in einem epidemischen/pandemischen Ausnahmezustand.

Doch wir können kraftvoll gegensteuern. Ein authentisches und aufrichtiges Leben führen, auf die Gesundheit achten, Menschen und Flüchtlingen in Not helfen, geeignete Charaktere in Führungspositionen wählen und vieles mehr.
Dies kreiert eine heilsame Energie, die das eigene Umfeld und weit darüber hinaus tausende von Menschen indirekt positiv beeinflussen kann. Gutes Essen, Meditation, Yoga, Atemübungen, Entspannung, soziales Engagement sind z.B. perfekte Werkzeuge auf diesem Weg. 

 

Quellen: (1) Janapadodhwansaniyam / Charaka Samhita, Vimana stahna, Ch.3

Weitere Links: sehenswertes Video von Dr. John Douillard zu Ayurveda und Epidemien

Titel-Photo by Tonik on Unsplash

Gesunde Ernährung für ein gesundes Klima