das lächeln der senoiHeute zitiere ich einige Passagen aus dem Buch „Das Lächeln der Senoi“ des amerikanischen Psychologen Richard Wolff. Es beschreibt die Lebensweise, Ernährungsgewohnheiten und Heilmethoden eines Urvolkes in Malaysia in der Mitte des letzten Jahrhunderts. Was er dabei erforscht hat, findet sich ebenso in den ayurvedischen Schriften wie in der traditionellen chinesischen Medizin wieder. Was meine Theorie bestärkt, dass jahrtausende altes Wissen weitaus mehr Relevanz hat als alle modernen „Spezialdiäten“ der heutigen Zeit.

„Während meiner Feldstudien zu den Ernährungsgewohnheiten der Malaysier merkte ich bald, dass es nicht ausreichte zu fragen, was die Leute aßen und was nicht. Ich musste auch in Erfahrung bringen, wie sie lebten und wie ihr Alltag aussah.
Die Antworten fielen ganz anders aus, als man im Westen erwarten würde. Die Malaier essen nicht Brot zum Frühstück und Sandwiches zum Mittag; sie essen keinen Salat. Sie essen zu jeder Mahlzeit Reis – und sie essen gewöhnlich zwei- und nicht dreimal am Tag. Oft isst man nicht zu bestimmten Essenszeiten, sondern wenn man gerade Hunger hat. Diese Mahlzeiten sind nur selten ein Anlass, zu dem sich die ganze Familie gemeinsam hinsetzt.
Die Senoi nahmen einfache Mahlzeiten zu sich. Meist Reis, etwas Gemüse, das gerade vorrätig war, Hülsenfrüchte und sehr selten Fleisch.“

Eigentlich wäre mit diesen wenigen Auszügen fast alles gesagt, was man über gesund erhaltende Ernährung wissen muss. Aber ich möchte ja noch bis Jahresende schreiben, und so nehme ich heute den Aspekt des Hungers heraus.
(Den Genuß des einfachen Essens habe ich bereits hier beschrieben).

Es sagt sich erst mal leicht, ich esse weil oder wenn ich hungrig bin. Oder ich höre auf zu essen wenn ich satt bin (siehe letzter Beitrag).
Doch so einfach scheint das nicht, denn viele meiner Klienten berichten, dass sie selten Hunger verspüren. Sie essen zu bestimmten Uhrzeiten, meist aus Gewohnheit bzw. weil im täglichen Kontext bestimmte Zeiten zum Essen vorgesehen sind. Das Frühstück vor der Arbeit, die Mittagspause in der Kantine, im Restaurant oder am Schreibtisch (!), das für eine bestimmte Uhrzeit fixierte Abendessen mit Familie oder Freunden.

In den ayurvedischen Schriften wird immer wieder betont, dass man nur essen soll, wenn man hungrig ist. Andernfalls geraten die 3 Bioenergien (doshas) aus dem Gleichgewicht, was zu Verdauungsstörungen und den damit verbundenen Beschwerden führt. Diese machen die Zeit nach dem Essen und den restlichen Arbeitstag oft zur Qual.

Ähnlich wie der Durst das Signal gibt zur Flüssigkeitsaufnahme, hat die Natur uns das Hungergefühl angeboren, damit wir wissen, wann die letzte Mahlzeit verdaut ist und Nachschub benötigt wird für den Energiebedarf. Dann fühlt sich der Körper leicht an, die Sinne sind klar, wach und aufnahmefähig, Stuhl- und Harndrang funktionieren normal. Manchmal verspürt man auch ein „leeres“ Aufstoßen, was nichts anderes bedeutet, als dass die Körperkanäle und -öffnungen aufnahmebereit sind für die nächste Mahlzeit.

Nach diesen Faktoren kann man leicht seinen Körper durchchecken, bevor man sich an den Esstisch setzt.

Die Übung für die nächste Woche wäre also:

  • das Fühlen von Hunger
  • wie oft isst man ohne Hunger
  • wie fühlt es sich an (körperlich und mental), wenn der Hunger sehr groß ist
  • wie oft fühlt man die oben beschriebenen Faktoren usw…

 

Den Hunger feinjustieren

Hunger hat man nicht zwangsläufig zur offiziellen Mittgszeit oder genau dann, wenn man mit seinen Freunden zum Essen verabredet ist. Dies wäre eher ein glücklicher Zufall. Tatsächlich ändert er sich jeden Tag, je nachdem, was man am Vortag bzw. als letzte Mahlzeit gegessen hat. Auch andere Faktoren können den Hunger beeinflussen, z.B. Bewegung/Sport, Reisen, Streß, Ärger, Freude usw.
Somit wird klar, dass eine fixierte Essenszeit selten kompatibel ist mit der Schwankungsanfälligkeit des Hungers.

Kann man seinen Tag frei gestalten (wie die Senoi), ist man in der glücklichen Lage, seine Mahlzeiten tatsächlich nach seinem Hunger auszurichten. Für Freiberufler funktioniert das in der Regel sehr gut.

Für Angestellte und Teamworker in der modernen Arbeitswelt wäre dies wohl eher unrealistisch. Hier geht es darum, Mahlzeiten und Hunger aufeinander abzustimmen. Am einfachsten funktioniert das, wenn man die Pausen zwischen den Mahlzeiten auf seine persönliche Verdauungskraft einpendelt. Eine Verdauungszeit von 4-6 Stunden pro Mahlzeit je nach Konstitution ist eine Richtlinie, an der man sich orientieren kann.

Wenn man also tatsächlich um 13 Uhr seine Mittagsmahlzeit nehmen muss, d.h. mit einem optimalen Hungergefühl in die Pause gehen möchte, ist dies mit einem kleinen und leicht verdaulichen Frühstück (z.B. Reissuppe, süßes Porridge, Getreidesmoothie, Griesbrei usw.) leichter möglich als nach einem großen und schwer verdaulichen Morgenmahl (Brot, Müsli, Joghurt, Eier usw). Ein Frühstück ohne Hunger ist nebenbei kein optimaler Start in den Tag, dieses Thema ist mir allerdings ein eigenes Essay wert.

Es gibt keine Regel, die für alle gilt, da wir alle unterschiedliche Verdauungskraft besitzen. Wie es auch keine Abhandlung in den alten ayurvedischen Texten gibt, die besagt, dass man Frühstück (immer) um ca. 8 Uhr, Mittagessen um ca. 13 Uhr und Abendessen vor 18 Uhr eingenommen haben sollte, wie dies oft in den westlichen Ayurvedabüchern empfohlen wird.

Heute wird Hunger manchmal auch verwechselt mit mentalem Streß oder Müdigkeit. Tatsächlich ist das Gegenteil, also Enthusiasmus, ein Zeichen von richtigem Hunger. Und die Müdigkeit am Nachmittag hat mit echtem Hunger nichts zu tun, Kaffee und Kuchen kann man sich also sparen. Zumal dies auch einen gesunden Hunger am Abend verhindert.

Nächste Woche gehe ich näher auf den falschen Hunger ein, ein trügerisches Fehlsignal von Körper und Geist.

P.S. Aus Rücksicht auf die Unberührtheit der malaischen Urvölker, hat Richard Wolff seine Erfahrungen erst im Jahre 2001 veröffentlicht. Das Buch wurde im letzten Jahr ins deutsche übersetzt. Es ist in jeder Hinsicht sehr lesenswert.

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