Essen mit den Sinnen

 

Eine Mahl­zeit, die alle 5 Sin­ne anspricht, wird immer als näh­rend und befrie­di­gend wahr­ge­nom­men. Dies gilt für eine ein­fa­che Mahl­zeit wie für ein Fest­mahl glei­cher­ma­ßen. Die alten indi­schen Tex­te beschrei­ben umfang­reich die heil­sa­men Effek­te eines sinn­li­chen Essens für den Kör­per und den Geist.

 

Das Auge isst mit.

Muss man nicht erklä­ren. Dazu benö­tigt es übri­gens nicht kunst­vol­ler Ver­zie­run­gen auf dem Tel­ler, wie Gour­met­kö­che das ger­ne machen. Man wagt es kaum, das Kunst­werk anzu­fas­sen ;-). Eher geht es dar­um, dass das Essen nicht lieb­los wie in einer Kan­ti­ne auf den Tel­ler geklatscht wird und in einer unde­fi­nier­ba­ren Far­be daher­kommt.

Far­ben signa­li­sie­ren übri­gens Nähr­stof­fe und je bun­ter man isst, des­to unter­schied­li­che­re nimmt man zu sich. Ein tol­ler Arti­kel zur Farbal­che­mie des Essens fin­det sich hier. Da kriegt man Hun­ger wenn man nur in den Moni­tor schaut…

 

Die Ohren lieben Küchen- und Essgeräusche.

In Indi­en hat man es damit ein­fach. Es gibt immer Papa­dams zum essen, die­se hauch­dün­nen Knus­per­f­la­den, die min­des­tens so gut schme­cken wie sie ein appe­tit­an­re­gen­des Geräusch her­vor­ru­fen. Bei uns wird knusp­ri­ges in Form von gerös­te­ten Nüs­sen und Ker­nen ermög­licht, evtl. durch ein Salat­blatt oder gerös­te­te Brot­stü­cke. In man­chen Koch­tra­di­tio­nen kommt das Essen als geräusch­vol­ler Sizz­ler auf den Tisch. Und beim Sel­ber­ko­chen hat man natür­lich das wun­der­ba­re Knis­tern beim Anbra­ten von Zwie­beln oder Rös­ten von Gewür­zen.

 

Die Nase folgt Aromen und Düften.

Manch­mal las­sen wir uns davon lei­ten, wenn wir durch die „Fress­gas­se” eines Mark­tes schlen­dern. Oder dem Geruch im Haus fol­gen, wenn ein guter Geist die Küche besetzt. Der Appe­tit wird sofort ange­regt und ver­lei­tet uns zum Naschen, bis die Köchin/der Koch uns wie­der aus der Küche bug­siert. Und das Fol­gen von Düf­ten spielt natür­lich nicht nur beim Essen eine Rol­le :-).

 

Die Zunge fühlt die unterschiedlichen Geschmäcker.

Je mehr Geschmacks­rich­tun­gen in einer Mahl­zeit sind, des­to befrie­di­gen­der erle­ben wir die­se. Die Zun­ge hat dafür unzäh­li­ge Rezep­to­ren im Bereit­schafts­dienst.

Die ayur­ve­di­schen Wei­sen haben 6 sog. Rasas defi­niert: süß — sau­er — sal­zig — scharf — bit­ter — herb. Wenn wir alle in einer Mahl­zeit oder im Lau­fe des Tages zu uns neh­men kön­nen, haben wir fast immer auch die bun­ten Far­ben (s.o.) auf dem Tel­ler und somit eine gro­ße Viel­falt an Näh­ren­dem, das unse­re Gewe­be auf­baut, den Stoff­wech­sel för­dert und uns strah­len läßt.

 

Die Hände fühlen die Textur.

Auch hier haben uns Inder und Kin­der etwas vor­aus. Ers­te­re essen immer mit den Hän­den, letz­te­re haben einen ganz natür­li­chen Drang, mit den Fin­gern im Essen zu pan­schen. Wer es schon­mal pro­biert hat weiß, wie sich das sinn­li­che Erle­ben der Mahl­zeit noch­mals ver­stärkt. In unse­rer Kul­tur ist das Essen mit den Hän­den kein The­ma mehr, doch es gibt immer noch fin­ger food und vie­le Lebens­mit­tel, die man aus der Hand isst. Die Ame­ri­ka­ner essen aus ande­ren Grün­den nicht mehr mit Besteck. Die Bur­gers eig­nen sich halt nicht dafür…

 

Der Wer­muts­trop­fen: Essen mit allen 5 Sin­nen und die dar­aus resul­tie­ren­de Zufrie­den­heit funk­tio­niert nur unter bestimm­ten Bedin­gun­gen. Fol­gen­de Fak­to­ren ver­hin­dern den vol­len Genuß:

  • Essen unter Stress: die Ver­dau­ungs­kraft hat den Magen ver­las­sen, weil das sym­pa­thi­sche Ner­ven­sys­tem akti­viert ist. Die­ses steu­ert unse­ren Kör­per bei Belas­tun­gen und Gefah­ren und berei­tet uns auf kör­per­li­che und geis­ti­ge Leis­tun­gen bzw. auf Kampf oder Flucht vor. Herz­fre­quenz, Blut­druck und Atem­fre­quenz sind erhöht, der Ener­gie­ab­bau gestei­gert, die sexu­el­le Lust ist ver­lo­ren und die Ver­dau­ungs­tä­tig­keit ein­ge­stellt.
  • Viel reden, dis­ku­tie­ren und schwie­ri­ge Gesprä­che beim Essen: die Sin­ne sind nicht prä­sent, das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem kann das Essen nicht nach den erfor­der­li­chen Nährs­of­fen scan­nen, der Esser weiß nicht, was er isst.
  • Essen mit Emo­tio­nen: Ärger, Trau­er, Lan­ge­wei­le sind kei­ne guten Grün­de zu essen, wie beim Stress ist das Ver­dau­ungs­feu­er nicht mehr im Magen son­dern in der Peri­phe­rie. Das Essen bleibt unver­daut und unbe­frie­di­gend.
  • Essen im Ste­hen, am Schreib­tisch, vor dem TV: s.o., man kriegt nicht mit, was man isst bzw. isst zu has­tig und kann nicht genies­sen.

 

Resul­tat: die Sin­ne erhal­ten kei­ne Befrie­di­gung. Das Gehirn gibt zwar das Signal, dass der Bauch voll ist, aber das befrie­di­gen­de Gefühl, die­ses klei­ne Glück, das wir uns durch das Essen ver­spre­chen, fehlt. Der Esser hat kein Aro­ma wahr­ge­nom­men, wenig vom Essen gese­hen, kann den Geschmack nicht ein­ord­nen, fühlt kei­ne Sät­ti­gung und weiß oft nicht mal, was er da geges­sen hat. Und das Gehirn sagt „hung­rig”.

In der Fol­ge ent­ste­hen Über­es­sen, Appe­tit­stö­run­gen, Gewichts­zu­nah­me, Unwohl­sein, Ver­dau­ungs­stö­run­gen, Bauch­schmer­zen nach dem Essen und vie­les mehr.

 

Essen im Entspannungsmodus

Es ist kein Kunst­stück, sich die Bedin­gun­gen für den vol­len Sin­nes­genuß zu schaf­fen. Hier ein paar Ide­en:

  • Kochen als Streß­ma­nag­ment: Das Zube­rei­ten der Mahl­zei­ten, egal ob es 15 oder 45 Minu­ten dau­ert, redu­ziert den Stress­le­vel enorm, man­che emp­fin­den es sogar wie eine Medi­ta­ti­on. Das para­sym­pa­thi­sche Ner­ven­sys­tem, das für die kör­per­li­che und geis­ti­ge Beru­hi­gung nach einer Anstren­gung zustän­dig ist, wird aktiv. Bei­spiels­wei­se sinkt die Herz­fre­quenz, die Blut­ge­fä­ße erwei­tern sich, die Ver­dau­ung kommt wie­der in Gang  und die Atmung ver­lang­samt sich.
  • Für Nicht-Köche: Eine kur­ze Pau­se vor dem Essen, ein paar Atem­übun­gen, der Weg zu Restaurant/Kantine etc., alles kann genutzt wer­den zum Abschal­ten und Ent­span­nen.
  • Essen in ent­spann­ter Atmo­sphä­re: idea­ler­wei­se mit ange­neh­men Mit­es­sern und „leich­ten” Gesprä­chen, die nicht vom eigent­li­chen Essen ablen­ken. Geschäft­li­che The­men gehö­ren aus­schliess­lich ins Büro. In man­chen Tra­di­tio­nen isst man ohne viel zu reden, die anre­gen­de Unter­hal­tung folgt aber direkt danach und kann sehr aus­gie­big und lus­tig sein.
  • Räum­li­che Tren­nung von Arbeits- und Ess­platz.

 

Das Resul­tat: Der Kör­per signa­li­siert natür­li­chen Appe­tit, das Verdauungs-„Chemielabor” funk­tio­niert ein­wand­frei, der Genuß ist groß, die Nah­rung wird opti­mal ver­daut und assi­mi­liert (was Gewicht­zu­nah­me ver­hin­dert), Befrie­di­gung und Glück sind garan­tiert.

Somit wün­sche ich allen in Zukunft sinn­li­che Mahl­zei­ten 🙂

leere teller

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