Brainfood Die­ser klei­ne Arti­kel in der ZEIT vom 2. Janu­ar 2014 hat mich zu die­sem Arti­kel inspi­riert.

Wenn man Ernäh­rung als Neben­sa­che und Nah­rungs­mit­tel-Qua­li­tät als gspin­ner­tes Dog­ma von Gesund­heits­apos­teln und Ernäh­rungs­be­ra­tern betrach­tet, wird man sich nicht mit dem Gedan­ken anfreun­den wol­len, dass die Nah­rung nicht nur den Kör­per son­dern auch in hohem Mas­se die geis­ti­ge Kapa­zi­tät beein­flusst. Dar­über wird sel­ten gere­det und geschrie­ben, es geht immer nur um Vit­ami­ne, Nähr­stof­fe, Tex­tu­ren, Geschmack, Kalo­ri­en­zäh­len und ande­re, schein­bar veri­fi­zier­ba­re „Fak­ten“.

Doch was die Wis­sen­schaft­ler in die­sem o.g. Expe­ri­ment her­aus­ge­fun­den haben deckt sich mit dem, was die ayur­ve­di­schen Wei­sen sehr aus­führ­lich vor lan­ger Zeit in ihre Palm­blät­ter ritz­ten. Essen beein­flusst auch unse­ren Geist und unser see­li­sches Wohl­be­fin­den. Das geht soweit, dass man das Tem­pe­ra­ment eines Men­schen anhand der Natur des Essens, das er haupt­säch­lich zu sich nimmt, erken­nen kann.

Die alten Tex­te ent­stan­den übri­gens nicht nach Ver­su­chen an Rat­ten und ande­ren Tie­ren oder auf­grund von Labor­er­geb­nis­sen. Man hat ein­fach über eine lan­ge Zeit die Men­schen mit ihren Beschwer­den beob­ach­tet und Gesetz­mä­ßig­kei­ten her­aus­ge­fun­den zwi­schen Lebens­wei­se und Essen auf der einen Sei­te und kör­per­li­cher und geis­ti­ger Gesund­heit auf der ande­ren. Man kann also nicht sagen, dass es vor tau­sen­den von Jah­ren nur „gutes” Essen gab 😉

 

Nahrung, die den Geist harmonisiert

Lebens­mit­tel in hoher Qua­li­tät, natur­be­las­sen und mög­lichst wenig ver­ar­bei­tet, dazu noch frisch, reif und wohl­schme­ckend, haben das größ­te Poten­ti­al, dem Esser Klar­heit, Kon­zen­tra­ti­ons­fä­hig­keit, Har­mo­nie und Lebens­freu­de zu ermög­li­chen. Ist die Mahl­zeit auch noch frisch gekocht, eher ein­fach als kom­pli­ziert und hat der Koch/die Köchin Freu­de in der Küche, wirkt das Essen ener­ge­ti­sie­rend,  aus­glei­chend und ver­jün­gend.
Man nennt die­se Eigen­schaf­ten und das Resul­tat satt­visch.

Bei­spie­le für satt­vi­sches Essen:

  • frisch geern­te­tes, gekoch­tes Gemü­se, beson­ders ide­al ist Fen­chel, rote Bete, jun­ger Ret­tich in der jewei­li­gen Sai­son (Aus­nah­me: Nacht­schat­ten­ge­wäch­se, Pil­ze, Zwie­beln, Knob­lauch)
  • Fri­sches, rei­fes, süßes Obst, vor allem Dat­teln, Gra­nat­äp­fel, Fei­gen, Pfir­si­che, Pflau­men, Mira­bel­len, Bir­nen
  • Rosi­nen, getrock­ne­te Dat­teln und Fei­gen
  • gekoch­ter Reis und Getrei­de wie Hafer, Din­kel, Kamut, Qui­noa, Gers­te
  • Roh­milch, Ghee, Honig, (gel­ten in der rich­ti­gen Qua­li­tät und Quan­ti­tät als Nek­tar),
  • Mung­boh­nen
  • Shar­k­a­ra-Zucker, Reis­si­rup und ­Honig
  • Man­deln, Sesam, Kür­bis­ker­ne, ande­re Nüs­se und Samen in klei­nen Men­gen (Stu­den­ten­fut­ter)
  • Kräu­ter und Gewür­ze wie Fen­chel, Anis, Kreuz­küm­mel, Kur­ku­ma, Süß­holz, Safran, Peter­si­lie, Basi­li­kum, Ing­wer, Kori­an­der, Kar­da­mon
  • Was­ser, Kräu­ter­tees, Gewürz­tees
  • gene­rell saf­ti­ge + süße Zuta­ten (jui­cy)
  • frei von Che­mi­ka­li­en und Zusatz­stof­fen
  • wohl­schme­ckend ohne Über­maß an Würze, Zucker und Salz
  • maß­vol­le Men­ge

Die­se Lebens­mit­tel fin­det man auf dem Wochen­markt, im Hof­la­den, beim Erzeu­ger, in guten Bio­lä­den und vor allem in Restau­rants, die sich die­ser Qua­li­tät ver­schrei­ben. Lieb­los her­ge­stell­tes Mas­sen­ge­mü­se gehört nicht in die­se Grup­pe. Jedes Stück die iden­ti­sche Far­be, Grö­ße etc., her­an­ge­karrt aus der gan­zen Welt… 😉 . Deme­ter­ge­mü­se hin­ge­gen ist ein per­fek­tes Bei­spiel für satt­vi­sche Sub­stan­zen.

 

Nahrung, die den Geist an- und/oder aufregt

För­der­lich für Dyna­mik, Akti­vi­tät, Ziel­ori­en­tie­rung und Moti­va­ti­on sind Lebens­mit­tel, die anre­gen und akti­vie­ren. Die­se Ener­gie hilft uns, die all­fäl­li­gen Rou­ti­nen des Lebens zu bewäl­ti­gen: zur Arbeit gehen, kochen und essen, sport­li­che Akti­vi­tä­ten, Kin­der erzie­hen, Steu­er­erklä­run­gen aus­fül­len usw.. Und den Lei­den­schaf­ten zu fol­gen, die uns im Leben Freu­de geben, für die wir „bren­nen“.

Bei­spie­le:

  • feu­ri­ge Lebens­mit­tel und Gewür­ze, die schär­fen, säu­ern und sal­zen
  • sau­res Obst, vor allem Kiwis, Ana­nas, Rha­bar­ber, Bee­ren, Bana­nen
  • Nacht­schat­ten­ge­wäch­se (Toma­ten, Kar­tof­feln, Papri­ka und Auber­gi­nen)
  • Pepe­ro­ni, Chil­li­scho­ten, Zwie­beln und Knob­lauch, Schnitt­lauch, Lauch, Früh­lings­zwie­beln in klei­nen Men­gen
  • Gro­ße Boh­nen und Hül­sen­früch­te
  • Fleisch, Fisch, ­Mee­res­früch­te, Eier in klei­nen Men­gen
  • Zucker, Sirups
  • raf­fi­nier­tes Tafel­salz, Geschmacks­ver­stär­ker (Glut­amat, Hefe)
  • schar­fe und über­mä­ßig vie­le Gewür­ze (indi­sche und thai­län­di­sche Küche), z.B. Chi­li, Meer­ret­tich, Senf­sa­men, Pfef­fer
  • fer­men­tier­te Milch­pro­duk­te wie Joghurt und Käse
  • Essig
  • Kaf­fee, Schwarz­tee
  • Alko­hol, Niko­tin und ande­re Genuss­mit­tel in klei­nen Men­gen, Ener­gy­drinks
  • gebra­te­nes und frit­tier­tes, sowie schwe­res, öli­ges Essen
  • unrei­fe und über­rei­fe Lebens­mit­tel
  • (sehr oft) Restau­rant­essen

Man nennt die­se Lebens­mit­tel und die ver­bun­de­nen Eigen­schaf­ten raja­sisch. Wer eher lang­sam und trä­ge ist, wird durch die­se Nah­rung akti­viert, was zu mehr Antriebs­kraft und Ent­schlos­sen­heit führt.

Wer aus­schliess­lich sol­che Lebens­mit­tel kon­su­miert, wird leicht irri­tiert, ist latent aggres­siv und neigt zu Über­säue­rung und ande­ren Ver­dau­ungs­pro­ble­men. Die Über­sti­mu­la­ti­on auf kör­per­li­cher und geis­ti­ger Ebe­ne führt zu Neben­re­sul­ta­ten wie Unge­duld, Rast­lo­sig­keit, Gier, Neid, Geiz und Sucht­ver­hal­ten. Der Fokus rich­tet sich ver­stärkt auf mate­ri­el­le Wer­te, Macht­stre­ben, Ego­ma­nie, Kon­kur­renz­den­ken und Recht­ha­be­rei bis hin zum Fana­tis­mus. Sehr aggres­si­ve und zor­ni­ge Men­schen sind immer raja­sisch. Die Medi­en, Poli­tik und Spit­zen­sport sind voll davon. Einen Yogi oder Vege­ta­ri­er kann man sich in die­sem Umfeld schwer vor­stel­len. Es gibt Aus­nah­men 🙂 .

 

Nahrung, die den Geist unterernährt

Eine drit­te Grup­pe von Lebens­mit­teln machen den Men­schen trä­ge, dumpf, lethar­gisch, müde und schwer. Man nennt sie und die damit ver­bun­de­nen geis­ti­gen Attri­bu­te tama­sisch.

Bei­spie­le für tama­si­sche Nah­rungs­mit­tel:

  • raja­si­sches Essen im Über­maß
  • über­la­ger­tes oder unrei­fes Obst und Gemü­se
  • Pil­ze (Aus­nah­me: Shi­ta­ke)
  • Zwie­beln und Knob­lauch in gro­ßen Men­gen
  • ran­zi­ge Nüsse, Erdnüsse
  • gen­ma­ni­pu­lier­te und syn­the­ti­sche Nah­rungs­mit­tel
  • über­koch­tes, abge­stan­de­nes, ange­brann­tes, ver­un­rei­nig­tes und schlecht schme­cken­des Essen
  • mehr­fach auf­ge­wärm­tes Essen
  • Fast­food, Dosen­es­sen, Mikro­wel­len­ge­rich­te, Tief­kühl­kost, Fer­tig­ge­rich­te, Instant­pro­duk­te
  • stark indus­tri­ell ver­ar­bei­te­te Lebens­mit­tel
  • alter har­ter Käse, H-Milch
  • Erd­nuss­pro­duk­te
  • wei­ßer Haus­halts­zu­cker, Weiß­mehl­pro­duk­te, zuck­ri­ge Lebens­mit­tel
  • Fleisch, Fisch, Mee­res­früch­te Eier und Milch­pro­duk­te aus Mas­sen­tier­hal­tung und in gro­ßer Men­ge
  • Alko­hol (beson­ders Soiri­tuo­sen), Niko­tin und ande­re Genuss­mit­tel in gro­ßer Men­ge
  • Ener­gy­drinks in gro­ßen Men­gen, Soft­drinks
  • (sehr oft) Restau­rant­essen, spe­zi­ell aus der Sys­tem­gas­tro­no­mie

Fol­ge einer sol­chen Nah­rung sind Stim­mungs­schwan­kun­gen, Schläf­rig­keit, Unsi­cher­heit, Igno­ranz, Unwis­sen­heit, Depres­si­on, Lethar­gie, Sta­gna­ti­on, frü­he Alte­rung, Ver­wir­rung und star­ke Ängs­te. Die Gier nach Sucht­mit­teln kann zu Selbst­zer­stö­rung und Gewalt­tä­tig­keit füh­ren. Men­schen, die sich haupt­säch­lich aus die­ser Grup­pe ernäh­ren, wer­den über kurz oder lang immer krank. Die­se Lebens­mit­tel sind tot und ermög­li­chen kein „näh­ren“, vor allem nicht des Gehirns. Es ist das Expe­ri­ment mit den Rat­ten (s.o.).

Ernährungsregeln Michael PollanMicha­el Pol­lan nennt die­se Lebens­mit­tel „ess­ba­re Sub­stan­zen“ im Gegen­satz zu „Lebens“mitteln, die den satt­vi­schen Aspekt tra­gen. Man fin­det die­se „Sub­stan­zen“ im Super­markt dort, wo kei­ne Küh­lung benö­tigt wird. Lebens­mit­tel, denen alles nahr­haf­te ent­zo­gen wur­de, hält sehr lan­ge und freut den Händ­ler und die Indus­trie.

Es kön­nen übri­gens auch satt­vi­sche Lebens­mit­tel tama­sisch wir­ken, wenn sie nicht ver­daut wer­den kön­nen (Roh­kost, Sala­te) oder von einem unin­ter­es­sier­ten Koch lieb­los zube­rei­tet wer­den.

 

Das Triguna-Konzept

Die ayur­ve­di­schen Tex­te beschrei­ben wie kei­ne ande­re Wis­sen­schaft die geis­ti­ge Wir­kung von Nah­rungs­mit­teln anhand der 3 beschrie­be­nen Eigen­schaf­ten Satt­va, Rajas und Tamas. Wir wer­den immer Nah­rung zu uns neh­men, die Bestand­tei­le aus allen 3 Grup­pen beinhal­ten. Wel­che Aspek­te wir im Leben beto­nen möch­ten, lässt uns ent­schei­den, aus wel­cher Grup­pe wir uns haupt­säch­lich ernäh­ren. Die satt­vi­schen Lebens­mit­teln kann man nie über­do­sie­ren, doch sie ste­hen nicht immer und über­all zur Ver­fü­gung. Außer­dem will nicht jeder leben wie ein schmun­zeln­der Bud­dha. Des­halb ist der akti­vie­ren­de Lebens­mit­tel­an­teil der­je­ni­ge, den die meis­ten Men­schen am ehes­ten bevor­zu­gen. Unse­re west­li­che Welt ist nun mal raja­sisch.

Lebens­mit­tel aus der tama­si­schen Grup­pe neh­men heu­te den meis­ten Platz in Super­markt und Restaurant/Kantine ein. Die­se Ent­wick­lung ist kei­ne 100 Jah­re alt und ver­mut­lich ist sie der Grund dafür, dass sich neue Krank­heits­bil­der mani­fes­tie­ren, bei denen die Medi­zin noch rat­los ist. Die­se Lebens­mit­tel zu redu­zie­ren und mit satt­vi­schen zu erset­zen ist die wei­ses­te Ent­schei­dung, die man tref­fen kann.

Es ist ähn­lich dem yogi­schen Leben. Jeder, der Yoga mit eini­ger Ernst­haf­tig­keit oder Hin­ga­be betreibt, wird irgend­wann vor sei­nem Tel­ler sit­zen und kein Schwei­ne­schnit­zel mehr essen mögen. Oder jemand, der sich vor­wie­gend vege­ta­risch ernährt, ver­bin­det sich viel­leicht irgend­wann mit den medi­ta­ti­ven und phi­lo­so­phi­schen Kon­zep­ten von Yoga oder Tai Chi. Das Tor ist nach bei­den Sei­ten offen.

Für mich per­sön­lich ist die Ori­en­tie­rung mei­ner Lebens­mit­tel­wahl an die­sen 3 Grup­pen wesent­lich sinn­vol­ler als an den meis­tens ver­wen­de­ten Kon­sti­tu­ti­ons-Ernäh­rungs­richt­li­ni­en für Vata, Pit­ta, Kapha, die man in west­li­chen ayur­ve­di­schen Koch­bü­chern fin­det. Ich hal­te eine fun­dier­te „Dia­gno­se“ und Kon­sti­tu­ti­ons­er­fas­sung durch Check­lis­ten oder in einem kur­zen Ana­mne­se­ge­spräch für wenig aus­sa­ge­kräf­tig im Best­fall und kom­plett fehl­lei­tend im worst case. Außer sie wird von einem/einer erfah­re­nen Ayurvedaarzt/ärztin (egal ob indisch oder west­lich) mit seinem/ihrem Erfah­rungs­schatz unter­mau­ert. Das hören mei­ne Ayur­ve­da­kol­le­gIn­nen nicht ger­ne, doch ich erle­be, war­um sich seriö­se indi­sche Ärz­te für die­se Ana­ly­se tage- bis wochen­lang Zeit neh­men.

Soge­nann­te dosha­ge­rech­te Ernäh­rung funk­tio­niert sehr gut bei Beschwer­den und Krank­hei­ten und macht in die­sen Fäl­len abso­lut Sinn. Ansons­ten klappt das auch noch für den Sin­gle­haus­halt, aber nicht mehr dar­über hin­aus, da in einer Fami­lie meist meh­re­re Kon­sti­tu­ti­ons­ty­pen vor­han­den sind.

Hier ist das Tri­gu­na-Kon­zept von Satt­va, Rajas und Tamas viel leich­ter umsetz­bar und in der Pra­xis sehr unkom­pli­ziert, da z.B. satt­vi­sche Ernäh­rung für jeden passt.

Noch­mal die ZEIT vom 2.1.2014 zum The­ma Rajas und Tamas:

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Arti­kel über­ar­bei­tet im Sep­tem­ber 2018

Bild­quel­le Wal­nuss: stock.tookapic.com

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